Auszug aus Ansichtskarte zu Grabs, vor 1907

Montag, 31. Juli 1916 – Regierung verbietet das Tannästeln in Grabs

In seiner Sitzung vom 31. Juli 1916 bewilligte der Regierungsrat dem katholischen Arbeiterinnenverein St.Gallen die Durchführung einer Verlosung. Der Erlös war zur Unterstützung von Wöchnerinnen, Arbeitslosen und sonst bedürftigen Mitgliedern bestimmt. (Nr. 1781) Ausserdem ging er grundsätzlich auf das Begehren der staatlichen Angestellten nach einer Teuerungszulage ein (Nr. 1788) und nahm Kenntnis vom Gesamtergebnis der Osterkollekte zugunsten der Krankenanstalten von insgesamt rund 18’500 Fr. (Nr. 1789).

Nicht auf Zustimmung stiess hingegen der Beschluss der Ortsgemeinde Grabs, das sogenannte Tannästeln zu bewilligen: Das referierende Departement bemerkt, der ablehnende Standpunkt des verwaltungsrätlichen Gutachtens stütze sich darauf, dass Art. 78 des bestehenden Genossenreglementes von Grabs den Genossenbürgern das Sammeln von Leseholz in den hiefür bezeichneten Gemeindewaldungen während 3 Wochentagen gestatte, wobei gemäss forstgesetzlicher Bestimmung die Verwendung von Werkzeugen ausgeschlossen sei, dass die Freigabe des sogenannten «Tannästelns», d.h. des Heruntersägens und Herunterhauens von dürren und halbdürren Aesten u.s.w., als unkontrollierbare Zwischennutzung anzusehen sei, die nach Forstgesetz aufs strengste untersagt sei und auch nach Art. 75 des Ortsgenossenreglementes unstatthaft erscheine, sowie dass die Unsitte des sogenannten «Tannästelns» in forstwirtschaftlicher Hinsicht als direkte Schädigung des Waldes bezeichnet werden müsse. (Nr. 1786)

Alle Beschlüsse des Tages finden sich hier: 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und W 238/04.05-01 (Ausschnitt aus einer Ansichtskarte zu Grabs aus dem Verlag U. Widmer-Weinmann, Papeterie, Grabs, vor 1907)

Sonntag, 30. Juli 1916 – Wie man einen Festanlass plant

Einen Grossanlass wie ein Kantonalturnfest oder eine Turnfahrt zu organisieren, bedingte diverse Vorbereitungen. Für den für 1916 geplanten Anlass traf sich der Vorstand des Kantonalturnverbands am Sonntagmorgen im „Kräzerli“, Urnäsch. Der Sommersonntag bot – in diesem Jahr ausnahmsweise – gutes Wetter für den Anlass.

IV. Festliche Anlässe.

Der Vorsitzende konstatiert mit Vergnügen, dass der Redner für den patriotischen Akt: Herr Dekan Rothenberger, heute zur Verfügung steht: bei einer allfälligen Verschiebung wäre derselbe jedoch nicht zu haben gewesen. Als Ersatz hatte der Vorsitzende für diesen Fall bereits die Zusage von „Herrn Major Jules Schönholzer“ – St.Fiden erhalten, der dann in die Lücke getreten wäre. Der Vorstand beschliesst an beide Herren Dankschreiben abgehen zu lassen.

Die Kreistelegraphen-Direktion V erteilt mit Zuschrift vom 17. Juli ihr Einverständnis zur Benützung von Anfragen an die Telephon-Zentralen St.Gallen, Herisau & Urnäsch über die event. Abhaltung der Kantonalturnfahrt.

Die eidg. Meteorologische Anstalt Zürich bestätigt mit Zuschrift vom 20. Juli die Anfrage des Kantonalvorstandes über Auskunfterteilung der mutmasslichen Witterung am 30. Juli. Der inzwischen eingetroffene Bericht lautet diesbez. günstig.

[…]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 090 (Protokoll) und W 238/03.02-13 (Foto J. Thurnheer, Berneck)

 

Samstag, 29. Juli 1916 – Kühne Pläne für Kraftwerke und die Hochrheinschiffahrt

Bericht über eine Exkursion der Sektion St.Gallen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins:

Exkursion nach der Baustelle für das Kraftwerk Eglisau.

29. Juli 1916.

10 Mitglieder beteiligten sich an der Fahrt nach Eglisau resp. Station Zweidlen, in deren Nähe die Bauten für das Kraftwerk im Entstehen begriffen sind. Nach erfolgter Erläuterung des Projectes durch die Herren Ing. Gugler & Biveroni boten die Fundationen des Stauwehres grosses Interesse. Befriedigt über den Verlauf dieser Samstags-Nachmittag Excursion kehrten die Teilnehmer 9h Abends [sic] nach St.Gallen zurück.

C.K. [C. Kirchhofer, Ingenieur, Präsident der Sektion St.Gallen des SIA]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 024 (Protokollbuch und Copie de lettres) und ZMH 64/703 (Neben dem Kraftwerk in Eglisau sollte auch eine Schleuse für die damals geplante Hochrheinschiffahrt gebaut werden (Briefkopf 1918). Der Grosse Rat des Kantons St.Gallen beriet 1916 über einen Staatsbeitrag an diese Schleuse.)

Freitag, 28. Juli 1916 – Theaterfreuden

Ernst Kind (1897-1983) studierte ab 1917 an der Universität Zürich Germanistik und Geschichte. Er war später Rektor der Kantonsschule St.Gallen. 1932 heiratete er Wanda Bolter. Als er diesen Brief erhält, besucht er in Zürich noch das Gymnasium.

Das St.Galler Stadttheater war älter das dasjenige in Chur, von dem im Brief die Rede ist. Es bestand seit 1805. Es gilt als das älteste durchgehend bespielte Berufstheater der Schweiz. Das 1857 eröffnete und vom Architekten Johann Christoph Kunkler erbaute Gebäude, wurde 1971 abgerissen.

Flims, 28. Juli 1916.

Lieber Ernst!

Ich weiss nicht, aber scheint’s Jahre her zu sein, dass ich Dich nicht mehr gesehen habe. Und so schreibfaul ich bisher gewesen bin, habe ich das Bedürfnis, unsere Korrespondenz wieder aufzunehmen. Tempus wiget u. ich bin inzwischen zum Vaterlandsverteidiger geworden insofern, als ich die Musterung durchgemacht habe u. nun bei der Gebirgsartillerie eingeteilt bin. Du wunderst Dich vielleicht, dass ich diese Waffe gewählt habe. Wir sind 4 der Klasse dort eingeteilt: Hitz, Barandun, Planta u. ich, sowie Bazzigher, der bereits Dienst getan hat. Als einziger Infanterist dieses Jahrganges steht Paul Juon da. Ich habe es mir lange überlegt, schon der Studien halber, da ich aber viele Freunde darunter habe z.B. Guido Calonder in der Aspirantenschule u da ich ja nicht auf zu hohes Avancement rechne, habe ich mich doch dazu entschlossen. Würde mich sehr interessieren, wie Du diesen patriotischen Akt überstanden hast.

Unsere Klasse ist unversehrt geblieben. Als Zuzug haben wir einen zukünftigen Theologen „Obrist“ bekommen, der 2 Jahre Bahnangestellter war. Betreff Musik haben wir, d.h. das Männerchororchester, diesen Winter sehr viel getan. Als Höhepunkt steht eine Wiedergabe der 4 Jahreszeiten von Haydn da. Obschon ich nichts kann, haben mir die (vielleicht etwas zu häufigen) Proben immer Vergnügen bereitet. Mit den Stunden des Turnvereins, so wie den übrigen Anlässen habe ich allerdings fast jede Stunde besetzt gehabt. Im Kadettenheer bin ich nach 6 Jahriger [sic] Dienstzeit zum Wachtmeister herangerückt. Wir kadetteln nur noch von der 3ten Klasse u. schiessen ziemlich oft.

Ich absolviere also dieses Jahr das letzte Schuljahr an der Schule. Ich muss gestehen, dass ich mich einigermassen freue, einmal von Chur wegzukommen, wenn ich auch bestimmt weiss, dass ich wieder gern zurückkommen werden; denn wer geht nicht gern heim.

Ich war an Ostern wieder 3 Wochen in Bern. Die Stadt gefällt mir sehr, je mehr ich sie kenne. In Zürich war ich überhaupt noch nie ausser auf der Durchreise, aber dazu komme als Student schon noch. In Bern habe ich die Wallküre [sic] u. Siegfried, ferner Hamlet gesehen. Wenn man nur auf das Churertheater angewiesen, hinterlassen einem diese Werke einen tiefen Eindruck. Hier in Flims ist ein S…wetter; 3 Tage schön waren uns bisher vergön[n]t. Toni u. Ilse Biberstein kommen eben von der Segnesklubhütte mehr oder weniger angefeuchtet. Hier spiele ich oft Tennis, was wir in Chur sehr vermissen, da kein öffentlicher Platz vorhanden ist.

Am Montag erwarte ich Georg Sprecher, der sich in Maienfeld befindet. Max muss eine 3te Rekrutenschule machen, nämlich als Korporal bei Nachrekrutierten. Herr Oberst wird denk ich auch sehr viel Dienst haben. In Chur hats viele deutsche Internierte, nette u. andere. Ein Leutenant [sic] spielt im Orchester Cello. Da ich immer mehr ins Geplapper gerate, will ich aufhören, zudem da die Post gerade abfährt.

Ich hoffe, lieber Ernst, dass Du Dir trotz meiner Schreibfaulheit noch eine Vorstellung von mir machen kannst u. hoffe zuversichtlich auf einige Zeilen. Herzliche Grüsse an alle die Deinen von

Willi [Köhl].

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 073/5 (Brief) und W 238/01.03-02 (Stadttheater, Verlag: J. Lichtenstein, Kunstverlag, St.Gallen, Nr. 267)

Freitag, 28. Juli 1916 – Sorgen einer Hôtelière, nicht nur mit dem Enkel: „[…] wirft ihm Sand an […] u spuckt im Vorbeigehen hie u da eine Dame an.“

Amalie Giger-Nigg führte zusammen mit ihrem Ehemann, Josef Giger (1847-1921), das 1908 eröffnete „Giger’s Hotel Waldhaus“ in Sils Maria. Einige ihrer Enkel weilten während des Sommers bei ihnen. Sie schrieb ihrer Tochter Fanny Lutz-Giger (geboren 1876):

Sils-Maria, den 28[.] Juli 1916

Meine liebe Fanny!

Es freut mich, dass Ihr Alle wohl u munter seid, u dass Euch das kleine Geschenk, Freude gemacht hat. Der Zwieback gibt dem lieben Elisabethli einige Zeit etwas zum nagen. Wie steht es mit den Zähnchen[,] hat sie wieder welche bekommen?

Da Du keine Wolle zu Strümpfchen sandtest, hat Fanny die Frivolitätsspitzchen für Kinderkragen u Wäsche gemacht. Sie hat nur zu feinen [?] Faden genommen. Diese sind sehr modern u rings um ein[en] Piquetkragen schön. Meine Pflegerinnen kommen nicht mehr viel zum nähen etz. Beide müssen servieren, rösten den Café, haben 80 Kg. Butter eingekocht, 2000 Eier in Garantol gelegt, richten Blumen für die Arrivée u so ein u anderes. Wir suchen so wenig wie möglich Angestellte zu halten; denn bei den theuren Lebensmittelpreisen u der niedern Logie-Taxation würde mit zu vielen, nicht bezahlenden Mitessern nicht mehr viel herausschauen. Gott sei Dank haben 72 u Morgen 80 Personen im Haus u für nächste Woche noch Bestellungen. Ich bin in Wolflisbergs Wohnung gezogen, da die meinige durch Wasser, von der Terasse unbewohnbar geworden u [Zimmer] 75 mit 5 Personen besetzt wird.

Frl. v. Buschlund u Kinder sind alle der Reihe nach in 3 Zimmer des Mezzanin plazirt u benutzen mein Bad; Hans u Gebhardli [geboren 1912] haben schon das 10te Salzbad genommen. Bubi schläft dies Jahr bei offenem Fenster bei Fräulein von Buschlund u zwar nur aus dem Grunde, weil Frl. Emmy servieren muss u gerade um die Zeit, wenn er schlafen soll. Mit Grosspapa u Fanny geht er jeden Tag spazieren; man darf ihn aber keinen Augenblick mit Ersterm allein lassen, sonst macht er es mit ihm, wie mit Lisabethli, wirft ihm Sand an etz. Am liebsten läuft er selbständig im Haus herum; geht ins Vestibul u in’s Bureau u spuckt im Vorbeigehen hie u da eine Dame an. Euch hat er trotz aller Zerstreuung nicht vergessen; möchte Euch Blumen schicken u alle Gemüse u Früchten, die auf unsern Tisch kommen sind von der Mama.

Warum hast Du ihm dieses Jahr keine Socken mitgegeben? Helene u. Frl. Wohler sind Vorgestern eingetroffen u haben viel von der Maly, die sie besuchten, gesprochen. Sie soll ganz vernünftig gesprochen haben u betonte, sie bleibe nicht mehr dort; Sie gehe zu Gebhard u zu der Fanny, diese müsse sie abholen; nach Sils gehe sie erst, wenn es keine Gäste mehr dort habe. Sie habe immer geglaubt, Hansi lebe nicht mehr, jetzt wisse sie, dass dies nur im Wahn war. Allem nach zu schliessen ist sie wirklich ein grosser Ruck vorwärdts [sic] gekommen u will ich Dr. Brunner diesbezüglich schreiben. Ich denke, wenn sie kommen dürfte, müsste ich Anna schreiben, dass sie, anstatt eine Fremde zu Maly käme. Hast Du wirklich bald Bohnen, es heisst sonst, die seien durch den vielen Regen verdorben; gibt es bald Aepfel? Mit 1000 herzlichen Grüssen Deine

Dich liebende Mutter.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 289/20-2 (Text) und W 289/23-01.23 (Aufnahme der 1914 geborenen Elisabeth Lutz; Foto ca. 1915, F. Bastadin, Rheineck)

St.Peterzell 1912

Donnerstag, 27. Juli 1916 – Potpourri an Themen für die Regierung

Erneut traf sich die Regierung ferienhalber in «abgespeckter Form» als Gremium von nur vier Mitgliedern. Sie befasste sich mit der Wahl einer Hauswirtschaftslehrerin für die landwirtschaftliche Schule Custerhof in Rheineck (Nr. 1743), mit der Papierknappheit (Nr. 1744), mit Unfallentschädigungen für zwei Revierförster und einen Wegmachergehilfen (Nrn. 1745, 1746 und 1753), mit einer Holzschlagbewilligung für die Evangelische Kirchgemeinde St.Peterzell (Nr. 1747) und mit der Besoldung des Zeichnungslehrers im Seminar Mariaberg in Rorschach (Nr. 1748). Ausserdem erteilte die Regierung dem schweizerischen Justiz- und Polizeidepartement die Auskunft, dass das Grundbuch im Kanton St.Gallen trotz gegenteiliger Forderung im Schweizerischen Zivilgesetzbuch noch nicht eingeführt worden sei (Nr. 1749). Zur Verstärkung der Staatsanwaltschaft stellte sie den Juristen Dr. Max Ruth als Aushilfe ein. Letzterer gilt heute als führender Theoretiker der schweizerischen Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs (Nr. 1750). Diese und alle übrigen Beschlüsse des Regierungsrates finden sich hier nachfolgend: 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und W 276/08.06-02 (Ansichtskarte St.Peterzell, Edition Photoglob, Zürich, 1912)

Zu Dr. jur. Max Ruth-Studer (1877-1967) vgl. den Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D49106.php

 

Mittwoch, 26. Juli 1916 – „[…] es sei nur ein wenig Neurasthenie, und da sei der Dienst ausge-zeichnet.“: Der Psychiater muss ins Militär

Die Frau des Psychiaters und Kunstmalers Franz Beda Riklin (1878-1938) befand sich mit den Kindern in den Ferien auf dem Kühboden bei Unterwasser im Toggenburg. Riklin sollte nachfolgen, wurde aber trotz ärztlichem Dispens in den Militärdienst ins Engadin aufgeboten. Er schrieb seiner Frau:

Küsnacht, 26.VII.16

Allerliebste Frau!

Endlich habe ich das Gutachten auch fertig. Hingegen sind Schwierigkeiten mit dem Militär da. Der Divisionsarzt meinte, es sei nur ein wenig Neurasthenie [neurotische Störung, nervöse Erschöpfung] u. da sei der Dienst ausgezeichnet. (Das Zeugnis von Dr[.] Keller sagte nichts derartiges[.]) Ich habe mich nun kräftig dahinter gesetzt, mit Dr. Keller gesprochen (es ist über alles hinaus ein lautes Geräusch zu hören), telegraphi[e]rt, u. vorgeschlagen, den Div-arzt [Divisionsarzt] persönlich zu sehen, da er ein ganz falsches Bild habe. Ich kann mir das nicht gefallen lassen. So reise ich morgen od. übermorgen ins Engadin; es geht gerade mit Benützung des ersten u. letzten Zuges. Den Zweck werde ich schon erreichen, aber ich bin „wild“ über die Umstände.

Jak. Schaffner möchte uns im Sept. mit seiner neuen Frau besuchen. Ich habe gesagt ja. Und Morbage [?] hat noch gedankt u. geschrieben, es sei vor Verdun passiert.

Der Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner (1875-1944) war ursprünglich Schuhmacher. Er lebte ab 1911 in Deutschland. 1916 verheiratete er sich in zweiter Ehe mit der deutschen Staatsbürgerin Julia Cuno. Später hegte er offen Sympathien für die Nationalsozialisten, ohne aber Parteimitglied zu werden. 1940 trat er der frontistischen Nationalen Bewegung der Schweiz bei.

Franz Beda Riklin fährt in seinem Brief fort:

Die Militärgeschichte hat mich ein wenig aus der Ruhe gebracht, d.h. nimmt einem [sic] mehr in Anspruch, als sie es verdient.

Hier fängts bei dem guten Wetter an schön zu werden. Die Blumen, die frühen wie die späten, blühen jetzt fast alle miteinander; Du wirst aber das Meiste noch sehen. Dahlien, die allerersten Winterastern u.s.f. kommen auch schon; ebenso die Stockrosen u. die Phlox. Schade, dass Du nicht mit mir im Garten bist. Das Bild ist obendurch beinahe fertig; das waren die schwierigern Partien; man sollte jetzt dran arbeiten können an einem Stück. Ist das Papier gut angekommen?

Ich bin etwas müde u. froh, endlich etwas aus der Arbeit zu kommen. Es war doch ziemlich viel Unruhe u. Sorge; jetzt muss ich alles ein wenig loslassen. Ich freue mich ungemein, wieder mit Dir zu sein; denn hier habe ich z.Z. kein Bein u. wandle auch völlig einsam. Ich habe ein kleines chinesisches Bändchen von Frl. Leutert bekommen, ähnlich Lao-Tse, aber mehr in Form von Gleichnissen u. Geschichten. Aber ich mag wenig lesen, und möchte lieber im Schauen aufgehen.

Herzlichste Grüsse von Deinem treuen

Franz

Und viel[e] Grüsse an die Kinder.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 106 (Brief) und ZOA 001/8.057 (Soldaten im Engadin im Ersten Weltkrieg. Sie versuchen, ein reiterloses Pferd über ein Hindernis zu scheuchen. Im Hintergrund ist Samedan zu sehen.)

Dienstag, 25. Juli 1916 – Schwierige Rechtsfragen

Ulrich Lampert (1865-1947) war Doktor beider Rechte. Von 1890 bis 1893 hatte er als Gerichtsschreiber in Wil und danach bis 1898 als Redaktor bei verschiedenen Ostschweizer Zeitungen gearbeitet. Von 1898 bis 1942 war er Professor für Staats-, Kirchen- und Völkerrecht an der Universität Fribourg. Er war vehement antiliberal eingestellt und setzte sich für die öffentliche Stellung des Schweizer Katholizismus ein. Er schreibt an Staatsschreiber Othmar Johann Müller-Widmer (1859-1923):

Freiburg 25. VII. 16

Sehr verehrter Herr Staatsschreiber!

Mit herzlichem Danke für Ihre mir erwiesene Gefälligkeit sende [ich] Ihnen die mir gesendeten Materialien i.S. Repartition der Kultussteuer zurück.

Ich habe den Versuch gemacht das Präjudiz anzufechten in Form eines Rekurses, der wohl inzwischen von dem kath. Kirchenverwaltungsrat Rapperswil eingereicht worden ist.

Indem ich nochmals bestens danke begrüsse [ich] Sie mit dem Ausdruck vollkommener

Hochschätzung

Ihr ergebener

Dr. U. Lampert, Prof.

Repartition heisst „Verteilung im Verhältnis der Beteiligten“.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 041/1.23 (Brief) und W 041/2.4-1 (Porträt von Othmar Johann Müller-Widmer)

Kirche Salez, um 1920

Montag, 24. Juli 1916 – Haussegen in der Kirchgemeinde Salez-Haag hängt schief

An diesem Montag hielten die vier nicht in den Ferien weilenden Regierungsmitglieder eine ausserordentliche Sitzung ab. Darin befassten sie sich unter anderem mit einer Amtsehrverletzungsklage von Pfarrer Fritz Golderer und der evangelischen Kirchenvorsteherschaft von Salez-Haag. Ein Mann und zwei Frauen hatten den Pfarrer aufs übelste beschuldigt: Am 22. Mai 1916 habe Kaspar Berger in der Wirtschaft zum Bahnhof in Haag-Gams den (abwesenden) Kläger Golderer als «einen lumpigen, abgefallenen katholischen Pfaff», «einen Schelmenpfaff» beschimpft und erklärt: «Die ganze Kirchenvorsteherschaft ist wie der Pfaff», und «wer zum Pfaff haltet, ist auch in der Gemeinde ein Schelm», «fort muss dieser Pfaff, unbedingt fort». Als Zeugen werden genannt Jakob Engler, Schulratspräsident in Haag, und der Kirchenpfleger B. Eggenberger in Haag.

Bei seinen Aussagen berufe sich Berger auf Berta Beglinger, uneheliche Tochter der geschiedenen und ebenfalls (wie ihre Tochter) eingeklagten Barbara Beglinger, sowie auf Frau Katharina Reich, geborene Beglinger, Tante der Berta und Schwester der Barbara Beglinger. Diese hätten aus Rache gegen Herrn Pfarrer Golderer, der die notwendigen Verwarnungen wegen ärgerniserregender Lebensführung pflichtgemäss gegen sie vornahm, denselben beschuldigt, am 14. Mai l.J. [laufenden Jahres] im Walde Bohnenstickel gestohlen zu haben. In der Nacht vom Pfingstsonntag auf den Pfingstmontag sei ein Plakat an das Spritzenhaus in Salez angeschlagen worden mit folgendem Text: [«]Salez, am Montag Volkstheater, Stiggel-Heieri, nachher Tanz». Möglicherweise könne die Täterschaft für dieses Pamphlet in einem Untersuch gegen die genannten vier Personen ermittelt werden. (Nr. 1742)

Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und CA 15/19.03 (Bild, Kirche Salez, ca. 1920)

 

Sonntag, 23. Juli 1916 – Nieder mit dem Militarismus

Aus dem Tourenbuch der Jugendsektion des Touristenvereins Naturfreunde St.Gallen (TNV):

Sonntag, den 23. Juli 1916 wurden nach grösster Mühe endlich 10 Mitglieder zusammengebracht. Sammlung war auf ½ 8 Uhr morgens angelegt. Nach langem Zaudern, wer wohl das Kochgeschirr zuerst tragen müsse, gelang man endlich zum Abmarsch. Auf dem Bahnhof angelangt, wurde man von den Arbonern begrüsst, welche soeben vom Zuge kamen. Jeder kaufte sich noch etwas „Krämeligs“. Dann ging’s an’s Einsteigen. Im Bahnwagen ging es verflixt gemütlich zu. Die Handorgel, Dryangel und Trommeln wurden sofort in Funktion gesetzt und bald hatte man auch schon Maulaffen feil. Es war ein Glück, dass der Zug bald aus der Halle dampfte. Abwechselnd wurde gesungen. Ein kleines Geräusch wurde im Wagen verführt, das ziemlich an Grampol grenzte und doch war es halt durchaus kreuzfidel. Nur zu geschwind schrie der Zugführer: „Gossau“. Auf der Strasse wurde sofort aufgestellt[,] und in strengster Ordnung ging es durch Gossau und auf der Niederwielerstrasse [sic] weiter. Voran schritten die Tambouren, dann das Banner der Sekt. Arbon. Wichtig stolzierte dann die Sektion St.Gallen daher, dann reihten sich die Arboner, welche 29 an der Zahl beisammen hatten. Es dauerte nun nicht lange fort, als der Eine oder andere einen grässlichen Hunger oder Durst oder beides zusammen verspürte. Man sah es daher für genötigt[,] einen Halt zu machen. Nachdem der grösste Kohldampf gestillt und auch eine derbe Zahl Nussgipfel verschlungen waren, zog man weiter, bei Niederwil vorbei, bis zum nächsten Wegweiser, dort wollte der Eine nach links der Andere nach rechts und der Letzte gar nicht mehr weiter. Nach langen Unterredungen gelang man doch zum Entschluss, nach links zu gehen. Der Uzwilerfritze hingegen brummte immer noch etwas zu hinterst, von „einer simpeleinfältigen Abkürzung, Pappenheimer etc. etc.[“] Er trug nämlich einen Wäschekorb am Stock, worauf gemalt war: „Sozialisten auf der Reise“. Er sah überhaupt aus, wie ein richtiger Kunde [Landstreicher]. In der rechten Rocktasche schimmerte noch etwas von einer Bierflasche „Pardon“ Syroupflasche [Sirupflasche] hervor, was seinem Ae[u]ssern einen richtigen Aufputz gab. Bereits hatten wir die Kollone [sic] wieder in Reih und Glied eingestellt, als man plötzlich eine Ration rote Zipfelmützen am Strassenhorizonte auftauchen sah. Es waren einige Uzwilergenossen, die uns entgegeneilten. Im Nu waren sie bei uns und nach kurzem Händeschütteln und Servusrufen ging es weiter, bei Oberbüren vorbei nach Niederuzwil. Die Sonne schien schon lange ganz tüchtig heiss und hie und da meinte einer „Viel Afrika“. Endlich gelangten wir auf den Rastplatz. Sofort wurde eine kräftige Suppe gebraut[,] die schon um ½ 1 Uhr schnabuliert werden konnte. Es schmeckte herrlich. Auch Gen. Knecht, der mit dem Zug gekommen war, erwischte noch einen Löffel voll. Nachdem ein Kessel Tee auf’s Feuer gesetzt wurde, ging’s an’s Gesichter verewigen. Nachher wurde zum Umzug aufgestellt. Der Umzug dauerte über eine Stunde. Daran beteiligten sich die Sekt. Arbon, Uzwil, St.Gallen, Frauenfeld, Wil, Rapperswil & Winterthur. Nachher referierte Gen. Mimicola [?] im „Schweizerhof“ über Militarismus. Um 5 Uhr war das Referat beendigt und der Tee mundete jetzt auch ganz vortrefflich. Doch bald wurde zur Heimkehr gemahnt. Die Arboner kehrten per Bahn heimwärts. Einige Uzwiler begleiteten uns noch ein Stück Weges. Beim Botsberg gab es einen Ansturm auf einen prächtigen Rosenstock. Ein Radfahrer, der sich ungemein hervor tun wollte, verlor dabei einen Sack Stachelbeeren und fuhr wie ein rasender [sic] davon, als man ihm nach rief. Das war für ein Festessen, die Beeren wurden sofort verteilt. Unser Fritze war wieder das gemütlichste Huhn, er kaufte für uns ein mächtiges Zapfenbrot und verteilte es dann am Bahnhof redlich unter uns. Wie gafften nicht die Neugierigen, wie wir das trockene Brot vertillgten [sic]. Der Zug[,] in den wir in Gossau hätten einsteigen sollen, sauste jetzt an uns vorüber. Das war das Zeichen zum Weitermarsch. Unter fortwährendem Gesange ging es bei Oberglatt vorbei nach Gossau, wo wir dann noch einen kurzen Galopp machen mussten, denn eben fuhr der Zug im Bahnhof ein. Noch rechtzeitig erhaschten wir den Zug, was für uns ein grosses Glück war. Im Bahnwagen ging’s noch recht gemütlich zu und her, bis wir in St.Gallen einfuhren. Sofortige Verabschiedung. Ankunft auf dem Bahnhof St.Gallen ½ 10 Uhr.

Willi Hofer

Die Naturfreunde gehörten der Abstinenzbewegung an, sie tranken keinen Alkohol, deshalb der Hinweis auf die Sirupflasche.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 285/2.11.1-1 (Tourenbuch) und W 285/2.11.1-1-2.39 (Naturfreunde verschiedener Sektionen mit einem Banner «Nieder mit dem Militarismus» am Umzug in Niederuzwil)