Die Regierung traf sich zu einer ausserordentlichen Sitzung. Zugunsten der Notleidenden im Land beteiligte sie sich am Ankauf eines Werks zur Grenzbesetzung in den Jahren 1914/15:
In der Bibliothek des Staatsarchivs St.Gallen haben sich vier Exemplare der Schrift erhalten, die Kantonsbibliothek Vadiana weist zwei weitere Exemplare nach:
Titelblatt des vom Regierungsrat angekauften Werks
Es wurden an dieser Sitzung nur drei Entscheide gefällt:
Der Verband der Kantonschemiker und Stadtchemiker der Schweiz traf sich zu einer zweitägigen Sitzung in Genf.
Kaffee kaufte man im Ersten Weltkrieg in der Regel in speziellen Geschäften. Wie der Auszug aus dem Protokoll der Kantons- und Stadtchemiker der Schweiz zeigt, waren aber auch Ersatzprodukte wie koffeinfreier Kaffee oder Kaffee-Ersatz aus Zichorien.
[…]
c) Mitteilungen betr. Gehalt an koffeinfreiem, bezw. koffeinarmem Kaffee an wässerigem Extrakt:
Schumacher macht auf ein neues Verfahren aufmerksam, wonach koffeinfreier Kaffee in der Weise hergestellt wird, wodurch Keimung erfolgt. Dieser Kaffee wird dann geröstet und kommt als koffeinfreier Kaffee in den Handel. Die Analyse eines derartigen Kaffees ergab 0,7% Koffein, somit das Minimum des im Lebensmittelbuch von Kaffee geforderten Koffeingehaltes. Der Kaffee wäre somit nicht koffeinfrei. Dagegen hat er nur 12% Extrakt. Durch längeres Macerieren kann natürlich der Koffeingehalt noch herabgesetzt werden, sodass wirklich koffeinfreier Kaffee entsteht. Dadurch würde aber der Extraktgehalt noch mehr vermindert werden. Koffeinfreier Kaffee nach anderer Methode bereitet hatte 20,3% Extrakt. Da im Lebensmittelbuch koffeinfreier Kaffe[e] nicht vorgesehen ist, frägt es sich, ob diesbezgl. Normativ-Zahlen festgestellt werden sollen.
Es wird auf Art. 157 aufmerksam gemacht, wonach ausgezogene Bohnen im gerösteten Kaffee nicht verwertet werden können. Es wird sich aber fragen, ob dieser Artikel auch auf die Herstellung von koffeinfreiem Kaffee Anwendung finden kann. (Die Hamburger Firmen extrahiren zur Herstelllung von koffeinfreiem Kaffee mit Chloroform, wodurch eben noch ein höherer Extraktgehalt gesichert ist. Schmid wünscht immerhin Aufnahme einer Minimalgrenze von 0,3% Koffein für koffeinfreien Kaffee (analog der Bestimmung des Alkohols in alkoholfreien Weinen). Kreis ist der Ansicht, dass eine nach obigem Verfahren hergestellte Ware zu wenig Extraktgehalt enthält, ferner besitzt dieselbe noch 0,7% Koffein und kann somit nicht als koffeinfreier Kaffee in den Handel gebracht werden.
[…]
Am zweiten Tag begann die Sitzung um 8 Uhr vormittags. Die Teilnehmer berieten eine Stellungnahme zur Honigpulverindustrie und diskutierten über die Qualitätsbeurteilung von Käse und Butter diskutiert. Nach den Geschäften ging man zum informellen und eher gemütlichen Teil des Treffens über:
[…]
Wegen Beginn der Einweihungsfeier des neuen hygienischen Institutes [in Genf] und wird die Sitzung um 10 h vormittags geschlossen.
Der Feier vorgängig fand eine Besichtigung des Institutes und speziell der dem kant. Laboratorium dienenden Räumlichkeiten statt. Mit Vergnügen konstati[e]rten die Mitglieder die large [sic] und zweckmässige Einrichtung und Ausstattung des neuen Heims ihres Genfer-Kollegen, der sich solange mit bescheidenen Verhältnissen hatte begnügen müssen. Mit Vergnügen vernahmen sie auch die Worte aufrichtiger Anerkennung und Würdigung der Verdienste ihres Kollegen aus dem beredten Munde seines derzeitigen Chefs, des Herrn Staatsrats Rochaix, anlässlich der Einweihungsfeier im Hörsaale des prächtigen Institutes. Eine ausserordentlich erfreuliche Ueberraschung bot der Staatsrat des Kantons Genf den Verbandsmitgliedern auch durch das mit echt welschem Chic arrangi[e]rte und reich mit Reden gewürzte Bankett im Hotel Metropol, das der schönen Tagung an der Westmark unseres Vaterlandes einen herrlichen Abschluss verleih [sic] und uns mit herzlicher Dankbarkeit gegenüber den liebenswürdigen Veranstaltern erfüllen musste.
[…]
Und was ist mechanischer Heissluft-Kaffee, für den im Briefkopf der Firma Gustav Himpel Werbung gemacht wird?
Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, A 500/1.1 (Text) sowie ZMH 22/007 (Auszug aus dem Briefkopf der Drogerie A. Saupé-Bryner, Flawil, 1907) und ZMH 57/020a (Auszüge aus dem Briefkopf der Firma Gustav Himpel in Rapperswil, 1911)
Die Tagebucheinträge von Emma Graf, der im Jahr 1900 geborenen Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heute Sprachheilschule) enthalten oft auch Hinweise zur Witterung:
Am Sonntag Nachmittag spazierten die Mädchen über Dreilinden auf den Freudenberg. Dort hat es noch einwenig [sic] Schnee. Sie hatten eine schöne Aussicht. Die Berge u. der Bodensee waren klar. Sie fanden Schlüsselblumen. Herr Bühr erzählte, im Thurgau blühen einzelne Kirschbaumzweige. Wenn das Wetter so weiter mache, gebe es im Februar reife Kirschen, im April reifes Obst. Wir haben dann eine richtige verkehrte Welt. Das Unterste wird zu oberst gekehrt. Dann ist der Frühling zum Herbst geworden. Herr Bühr hat im Scherz stark übertrieben.
Am Samstag Nachmittag bekam ich Besuch von Fr. Dr. Landis. Sie hat mich eingeladen, mit ihr u. ihrer Magd Bertha Michel an die Dienstbotenprämierung [des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins] zu kommen. Am Sonntag Nachmittag gingen wir in den Schützengarten. Dort fand eine schöne Feier statt. Es wurden über 25 Dienstboten prämiert. Dienstboten, welche sich durch besondere Treue auszeichnen, erhalten eine Prämie. Nach 5 Jahren bekommen sie ein Diplom, nach 10 Jahren eine silberne Brosche, nach 15 Jahren eine silberne Uhr.
Emma Bischof u. ich gingen am Montag zu Ritter u. Co. Dort holten wir ein Heftlein Etiketten. Herr Bühr hat Frl. Groth u. Frl. Baur die Jugendbibliothek der Anstalt gegeben; sie möchten sie ordnen, etikettieren u. mit Nummern versehen. Wenn sie geordnet ist, wird sie in einen Kasten von Frl. Wachters Schulzimmer versorgt.
Am Montag war Herr Oberst Hungerbühler da. Er besuchte die erste u. die zweite Klasse. Nachher kam er zu Hrn. Bühr. Er fragte ihn auch, ob wir schon angefangen haben[,] im Heidi [Buch von Johanna Spyri] zu lesen. Aber Herr Bühr musste ihm antworten, leider sei es bisher noch nicht möglich gewesen. Wir werden so bald als möglich dahinter gehen.
Am Dienstag war Frl. Rothmund da. Herr Bühr diktierte ihr einige Briefe. Besuche kamen in das Bureau; Frau Oberst Steinlin u. Frau Ehrhard kamen. Da musste Frl. Rothmund sich aus dem Büreau zurückziehen. Sie hatte einen Arm voll Jahresberichte. Als sie in die Oberklasse kam, erschrak sie, weil wir Unterricht hatten. Sie wollte sich wieder zurückziehen. Da nötigte Frl. Wachter sie, herein zu kommen. Sie ordnete die Berichte. Es sind Berichte von schweizerischen Anstalten, welche Herr Bühr im Lauf der Jahre bekommen hat. Sie haben sich in einem Kasten angehäuft. Jetzt sollen sie einmal geordnet werden.
Am Dienstag kam Emma Strimm, eine frühere Magd der Anstalt auf Besuch. Sie hatte einen vierwöchigen Krankenpflegekurs in Sarnen gemacht. Sie befindet sich jetzt zu Hause. Im März kommt sie wieder nach St.Gallen. Sie fand eine Stelle bei Hrn. Dr. Galli. Sie ist dort als Zimmermädchen u. hilft auch dem Doktor.
Am Donnerstag Nachmittag kam ein Arzt zu Hrn. Bühr. Er ist ein Holländer. Vor Ausbruch des Krieges wohnte er in St. Petersburg. Durch den Krieg wurde er in die Schweiz getrieben. Er landete in Herisau. Der Holländer ist ein Ohrenarzt u. praktiziert dort. Er sagte zu Hrn. Bühr, er habe eine sehr feine Maschine; mit dieser könne er Schwerhörige u. Taubstumme hörend machen; die Maschine habe 5000 Fr. gekostet. Herr Bühr erwiderte aber, er glaube ihm nicht. Der Arzt sagte, Herr Bühr solle Schwerhörige u. taubstumme Schüler zu ihm bringen. Er lud ihn auch ein, einmal die Maschine anzuschauen u. zu prüfen. Herr Bühr sagte, er könne jetzt nicht reisen, weil er noch nicht ganz gesund sei; er wolle dann im nächsten Sommer kommen.
In der Stadt kann man gegenwärtig eine Riesin von Schweden sehen. Sie ist 2,30m hoch wie unser Schulzimmer. Die Fabrikarbeiter u. Fabrikarbeiterinnen sind am neugierigsten. Sie wollen alles sehen. Im Tagblatt hat sich jemand den Scherz erlaubt zu schreiben, der Riese, welcher vor einiger Zeit in St.Gallen war, u. die Riesin wollen sich verloben u. verheiraten; sie wollen in Amerika ein Häuschen bauen.
Hinweis: Inserat und Artikel zur „Riesin von Schweden“ finden sich im Beitrag zum 27. Januar 1916.
Am gleichen Tag traf sich auch die Regierung zu einer ausserordentlichen Sitzung mit einem einzigen Traktandum:
Die Regierung traf sich zur zweiten Sitzung in der gleichen Woche. Sie beschloss u.a. Beförderungen im Polizeikorps, damals noch Landjägerkorps genannt:
Neben diesem stark männerlastigen Thema behandelte der Regierungsrat auch noch diverse Anliegen, die Frauen betrafen. So sprach er Mathilde Ammann aus Widnau einen Beitrag von Fr. 20 aus der Kantonshilfskasse zu. Dieser Betrag deckte 10% des Elementarschadens, den sie wegen starken Windes an einem Birnbaum erlitten hatte (Nr. 225). Ausserdem befand er in einem Niederlassungsrekurs einer Frau (Nr. 234) und beschloss die Versorgung einer Alkoholikerin (Nr. 226). Drei weitere Fälle betrafen zudem Frauen, die sich der Prostitution schuldig gemacht hatten (Nrn. 227, 232, 233).
Alle Beschlüsse des REgierungsrates von diesem Tag finden sich hier:
Menschen anderer Hautfarbe, besonders gross Gewachsene oder Kleinwüchsige oder Personen mit anderen, nicht alltäglichen und ausgeprägten Körpermerkmalen stiessen seit dem 16. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auf grosses Interesse. Nicht selten verdienten sie ihren Lebensunterhalt damit, sich selber zu präsentieren, sei es auf Jahrmärkten, im Zirkus oder gar in zoologischen Gärten (z.B. in Basel).
Das Riesenfräulein
hat sich gestern vormittag auf unserer Redaktion vorgestellt und angezeigt, dass es von heute ab für einige Tage im Hotel „Ochsen“ logiere. Das Fräulein ist auf der Insel Gotland in der Ostsee geboren, ist also schwedischer Nationalität. Mit 7 Jahren begann es sehr stark zu wachsen, mit 10 Jahren war es schon fast 2 Meter gross und heute misst die erst 17jährige Schwedin 2,30 Meter. Sie ist eine angenehme, ebenmässig gebaute Erscheinung mit jungem, frischem Gesicht, hat volles, braunblondes Haar und fröhliche Augen und weiss sich recht gut zu unterhalten. Sie spricht Deutsch, Schwedisch und Englisch und kommt dem Riesen Teddy Bobs sehr gut; sie gedenkt, diesem die Hand zu reichen und hernach wird das Paar ausserhalb New York sich ein Landhäuschen bauen. So finden sich auch die Riesen.
Fräulein Marsiana befindet sich auf der Reise durch die Schweiz. Die ländische Tracht steht ihr recht gut. Sie ist das Kind von Eltern, die nicht über mittelgross sind. Der Vater des Mädchens ist blind und die Tochter unterstützt ihn, indem sie sich als Riesin sehen lässt. Man wird in diesem Falle nicht eine sogenannte „Riesendame“ sehen, sondern ein schön proportioniertes, geistig aufgewecktes, körperlich schlankes Riesenfräulein.
Hinweis: Der Besuch der gross gewachsenen Schwedin in St.Gallen war auch in der Sprachheilschule ein Thema, siehe den Beitrag vom 29. Januar 1916.
Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 909 (Text, 27.01.1916, Morgenblatt, S. 3 und Anzeige Abendblatt, S. 4)
Zitiert ist im folgenden ein Schreiben des Sekretärs des Erziehungsdepartements an die Vorsteherin der Frauenarbeitsschule, Hermine Kessler (1870-1946). Sie wirkte ab 1900 während 35 Jahren als Leiterin dieser Ausbildungsstätte. Sie engagierte sich in der Frauenbewegung und gehörte zu den Initiantinnen der Berufsberatungsstelle für Mädchen, der Heimarbeitszentrale und des Lesesaals für Frauen und Töchter.
26. Jan. 1916.
An Fräulein H. Kessler, Vorsteherin der Frauenarbeitsschule in St.Gallen.
Sehr geehrtes Fräulein!
1.) Da nun bald eine Sitzung des Erziehungsrates stattfindet und anderseits der Abschluss der Staatsrechnung pro 1915 bevorsteht, ersuchen wir Sie um gef. baldige Bezeichnung der Kandidatinnen, sowohl des 6 monatigen als auch des 18monatigen Kurses, die unter Nachweis von Bedürftigkeit ein kantonales Stipendium begehren. Damit im kant. Steuerregister, hier nachgesehen werden kann, sollte der Vorname des Vaters, sein Wohnort und Beruf, sowie allfällige schwierige Familienverhältnisse (Krankheit, Arbeitslosigkeit, grosse Kinderzahl etc.) angegeben werden.
2.) Wenn das Programm der Kurse im amtl. Schulblatt vom 15. Febr. erscheinen muss, – nicht erst im März – so wäre eine baldige Mitteilung des Programms, nebst früheren oder neuen Bemerkungen sehr erwünscht.
Siehe das amtl. Schulblatt No. 2, vom 15. Febr. 1915, pag. [Seite] 221.
Mit Hochachtung grüsst,
Dütschler, Depart.-Sekretär
Unter dem Titel Kurse an der Frauenarbeitschule in St.Gallen findet man im Amtlichen Schulblatt vom 15. Februar 1916, S. 385f., eine Anzeige über die im Jahr 1916 angebotenen Kurse:
Für Weissnähen vom 22. Mai bis 21. Juni.
Für Abformen von Schnittmustern für Weissnähen und Kleidermachen vom 22. Juni bis 28. Juni.
Für Kleidermachen vom 28. Juni bis 29. Juli.
Beginn des 22wöchigen Bildungskurses Montag den 4. September.
Wer sich für den unter 4. ausgeschriebenen Kurs anmelden wollte, musste sich ausweisen
[…] über zurückgelegtes 17. Altersjahr und gute Primarschulbildung […]
sowie mittels Zeugnis eines patentierten Arztes
[…] über den Gesundheitszustand, besonders über den Zustand der Augen […].
Anmeldeschluss war der 31. Juli 1916.
Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, KA R.130 B 2 (Copie des lettres) und ZMA 18/01.07-24 (Ansichtskarte)
Der Regierungsrat genehmigte die Zwangsversorgung eines Mannes in der Arbeits-erziehungsanstalt Bitzi unter dem Vorbehalt, dass er dort nur dann eingeliefert werde, wenn erneut Klagen über sein Verhalten einträfen (Nr. 207):
Auf Bericht und Antrag des Justizdepartementes erhält der Beschluss des Gemeinderates von Mosnang vom 20. November 1915, gemäss welchem Johann Baptist Fischbacher, geboren 30. Mai 1877, Lumpensammler, Ehemann der Katharina, geborene Schnetzer, bürgerlich von Mosnang, in Sirnach, wegen Arbeitsscheu und Liederlichkeit auf die Dauer eines Jahres in der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi versorgt werden soll, die regierungsrätliche Genehmigung, immerhin in der Meinung, dass der Vollzug der Versorgung auf Wohlverhalten hin vorläufig sistiert bleibe. Das Justizdepartement wird ermächtigt, den Rubrikaten sofort in die Anstalt Bitzi einweisen zu lassen, sofern innert Jahresfrist neue begründete Klagen gegen Fischbacher laut werden sollten. Zugleich wird der genannten Gemeinde auf gestelltes Ansuchen an die bezüglichen Kosten aus dem Alkoholzehntel ein Beitrag von Fr. 130.- bewilligt.
Protokollauszug an das Bezirksamt Alttoggenburg für sich zum Vollzug und zuhanden des Gemeinderates von Mosnang.
Protokollauszug an das Departement des Innern.
Protokollauszug an das Justizdepartement.
Protokollauszug samt Beschlussdoppel an die Verwaltung der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi.
Ausserdem diskutierte der Regierungsrat u.a. über Staatsbeiträge an einen Offiziersreitkurs (Nr. 202), an Feuerlöschzwecke in Uznach (Nr. 212) und über die Bekämpfung der Diphtherie (Nr. 205):
Fritz Wenner, Textilindustrieller in Fratte di Salerno mit St.Galler Wurzeln, war auf der Rückreise von einer Geschäftsreise in die Schweiz. Er war seit 1913 mit Maria Wenner-Andreae verheiratet und Vater von zwei kleinen Knaben, Giovanni (genannt Gianni, 1914-2010) und Diethelm (genannt Dimi, 1915-1996).
Gina Andreae (1891-1977) war die jüngste Schwester von Maria Wenner. Sie verheiratete sich 1922 mit dem Juristen Fritz Bek und lebte in Bern.
Silvia Wenner (1886-1968) war die jüngste Schwester von Fritz Wenner. Sie war ab 1925 mit Hermann Ochsenbein (1888-1947?) verheiratet. Ochsenbein arbeitete ab 1916 Spinnereidirektor bei der Firma Roberto Wenner in Fratte.
Fritz Wenner schrieb aus Mailand.
Meine herzliebste Maria
Endlich kann ich Dir wieder einmal ohne Bedenken u. Furcht vor Censur etc. schreiben u. Dir vor allem meine glückliche Ankunft von gestern Abend hier melden. Eben erhielt Vater Deine Zeilen, aus denen wir mit grosser Freude u. Dankbarkeit entnehmen, dass es Dir u. den beiden Schatzelchens u. allen in Fratte gut geht. – Auch hier traf ich alle Lieben gesund u. wohl u. recht aufgeräumt an. – Gina sieht blass aus u. Mutter sagt mir aber, dass man uns Gina gerne so bald als möglich auf Besuch geben möchte; ich denke es passt Dir auch u. kannst Du darüber an Mutter schreiben. Weisst Du[,] es ist nicht ausgeschlossen, dass ich kaum nach meiner Heimkehr jetzt Ende dieser Woche gleich nach einigen Tagen wieder für eine Sitzung nach Mailand werde reisen müssen u. zwar wegen Onkel Robert; aber bestimmt weiss ich es nicht, wahrscheinlich finde ich hierüber etwas in Fratte vor. Wenn es so ist, so werde ich Gina mit nach Hause bringen können. Was sagst Du wohl zu alle dem?
Von meiner Schweizerreise werde ich dann mündlich ausführlicher erzählen können. Heute habe ich nun hier einige Besuche zu machen u. morgen nachmittag will ich nach Turin zu Onkel Emil reisen. Am Mittwoch abend gedenke ich die Reise nach Rom fortzusetzen, den Donnerstag dort zuzubringen u. am Abend spät abzureisen, um am Freitag vormittag um 9¼ Uhr in Salerno einzutreffen. Wenn das Auto frei ist, so könnte es mich an der Bahn abholen, sonst schickt mir Papa vielleicht den Wagen. Gepäck habe ich ja keines ausgenommen meinen Handkoffer. – Gestern ging an der Grenze alles sehr glatt vonstatten. Ich reiste also via Simplon u. konnte darum leider die Bekannten in Lugano u. Locarno nicht noch aufsuchen, aber es hätte mir eben einen grossen Zeitverlust gebracht, wenn ich wieder die Gotthard-Route genommen hätte. –
Nun freue ich mich schrecklich[,] wieder zu Euch Lieben zu kommen u. zu hören[,] wie es Euch in dieser Zeit ergangen ist, u. was für Fortschritte die Kleinen gemacht haben. Wenn Du wüsstest, mein liebes Frauchen, wie meine Gedanken so viel bei Dir sind u. wie oft ich Dich im Geiste fest umarme! Ich gehe jetzt in die Stadt u. will Dir einen telegraphischen Gruss senden. Übermittle ihn dann auch den l. Eltern u. Silvia. Empfange Du selbst mitsamt unsern Söhnchen einen, (nein tausend) herzinnige Küsse von Deinem treuen Maritino Fritz. Alle Deine Lieben hier senden ebenfalls innigste Grüsse.
Fritz Wenner hatte in der Schweiz Erbschaftsangelegenheiten der Familie Pfister zu regeln (vgl. Beitrag vom 12. Januar). Die Familie Pfister war Miteigentümerin von Wenners Schwesterfirma Aselmeyer & Pfister. Diese fusionierte 1916 mit der Firma Schlaepfer Wenner zur CORISAL (Cotonifici riuniti di Salerno). Ausgelöst worden war dieser Vorgang durch den Krieg. Man versuchte damit, den deutschen Einfluss in der auf italienischem Boden angesiedelten Firma zu verringern. Wenners Reise in die Schweiz sollte den Zusammenschluss der Firmen vorbereiten. (Mitteilung von Markus Kaiser)
Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 054/128.1 (Text) und W 054/69B.19.09 (Bild)
Der Direktor der Strafanstalt St.Jakob in St.Gallen hielt in den sogenannten Stammbüchern neben einem allgemeinen Signalement, den Vermögensverhältnissen, dem Gesundheitszustand und der Art des Verbrechens u.a. auch die Lebensgeschichte eines jeden Inhaftierten fest. Der vorliegende Fall betraf einen Mann, der am 24. Juli 1914 in das Gefängnis eingetreten war und am 23. Januar 1916 austreten konnte. Er war wegen Raubes verurteilt. Der Eintrag im Stammbuch weist eine Reihe von besonderen Kennzeichen auf, so unter anderem eine grosse Narbe am linken Handgelenk und ein tätowiertes Schweizerwappen am linken Vorderarm:
Leg. [legitim, d.h. ehelich] geboren, den 2. März 1893 in Montlingen, wo seine Eltern […], Sticker & […] noch wohnen. Er hat 3 Brüder & 4 Schwestern, alle 7 ledig. Die Erziehung sei recht gewesen.
Nachdem er die Primarschule in Montlingen mit ordentlichem Erfolg besucht hatte, ging er bis zum 17. Jahr in eine Ziegelei, erlernte dann beim Vater das Sticken, das er aber nach einem Jahre wieder aufsteckte & arbeitete seither als Taglöhner beim Rheindurchstich. 1913 passierte er die Infanterierekrutenschule in St.Gallen & am 31. Mai 1914 wurde er in Montlingen verhaftet.
Von der Polizeikommission Gossau ist er am 8. August 1911 wegen Ruhestörung & Rauferei mit 20 Fr. gebüsst worden; sonst weiss das Leumundszeugnis von Oberriet nichts Nachteiliges über ihn zu berichten.
Vorstrafen: keine.
Ankage: Samstag, den 30. Mai a.c. nachts zwischen 11 & 12 Uhr wurde der Pflästerermeister […] auf dem Wege von Krieseren [Kriessern] nach Montlingen das Opfer eines Raubüberfalles.
Der deshalb in Verdacht gekommene […] gestand schon im 2. Verhör, dass er jenen, den er zuvor im „Sternen“ in Krieseren in angetrunkenem Zustande gesehen hatte, in Beraubungsabsicht mit seinem Velo zu Boden gefahren, mit einigen Faustschlägen an den Kopf traktiert & geknebelt zu haben, wobei, bezw. worauf er ihn seines gesamten Tascheninhaltes beraubte.
Dieser bestand aus einer Barschaft von mindestens 214 Fr. 75, aus einem 2 Fr. wertigen Taschenmesser, aus 4 Schlüsseln im Werte von 5 Fr., 2 neuen Taschenbüchlein (Wert 2 Fr.) & einem Retourbillet [sic] St.Gallen-Altstätten (Restwert 2 Fr. 60). Von dem somit 226 Fr. 35 ausmachenden Gesamtdeliktsbetrag konnten dem Geschädigten 204 Fr. 75 in bar zurückgegeben werden. Messer[,] Schlüssel etc. will der Beklagte in den Kanal geworfen haben.
Obschon derselbe wegen Rauferei mit einer Geldbusse belegt wurde, fällt mildernd in Betracht, dass er im übrigen bisher gut beleumdet war & auch die Tat rasch gestanden hat, dass der Schaden zum grossen Teil gedeckt & für den Restbetrag anerkannt ist, sowie der Umstand, dass der Raubüberfall infolge der Trunkenheit des Geschädigten leicht durchzuführen war.
Verhandlung des Kantonsgerichts, den 23. Juli 1914 & Verurteilung […], als des Raubes schuldig, in Anwendung von Art. 66 Ziff. 2, 35 & 36 Str. G. zu einer
Zuchthausstrafe von anderthalb Jahren.
Einträge im Stammbuch der Strafanstalt St.Jakob
Im Stammbuch wurde auch das Betragen während der Haft festgehalten. Der Verurteilte wurde in der Schusterei beschäftigt. Arbeitsleistung und Betragen seien befriedigend gewesen.
Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, KA R.86 B 5, Band 1912-1919
Emma Graf, die Schülerin aus der damals so genannten Taubstummenanstalt St.Gallen berichtet aus dem Schulalltag. Das Bild von 1913 zeigt den Unterricht in der Sprachheilschule, die Kinder üben das richtige Artikulieren.
Als Liseli Spengler in die Schule kam, war sie überrascht, dass Hr. Bühr schon da war. Herr Bühr sagte zu Liseli: „Guten Tag.“ Da bemerkte er an der Schürze eine Brosche. Er sagte, sie habe sich im Krieg ausgezeichnet durch besondere Tapferkeit. Die Deutschen Soldaten, welche sich im Krieg ausgezeichnet haben, erhalten ein eisernes Kreuz, die Franzosen eine Medaille. Ich habe eine Dame in Schaffhausen gesehen, welche ein Medaillon hat. Auch Schüler erhalten durch besonderen Fleiss eine Auszeichnung, entweder Lob oder ein gutes Zeugnis oder eine Prämie.
Am Montag amtierte der Stellvertreter von Hrn. Pfr. Bischoff, Hr. Pfr. Bärlocher. Hr. Pfr. Bischoff ist jetzt bettlägerig. Er hat Brustfellentzündung. Hr. Pfr. Bärlocher ist ein ganz junger Herr.
Die Österreicher haben die Hauptstadt von Montenegro Cetinje, eingenommen. Darauf haben die Montenegriner um Frieden gebeten. Das war klug von ihnen. Besser Frieden machen, als das Land verwüsten lassen. Die Österreicher gewähren ihnen den Frieden unter der Bedingung, dass sie die Waffen strecken.
Am Mittwoch Abend ging Seppli mit Ursula T. wieder zu Ritter & Co. Dort holten sie ein Buch Packpapier. Als sie im Laden warteten, kam Herr Bühr herein. Hr. Bühr wollte das Bezugsbüchlein dem Geschäft bringen, damit man das Packpapier u. die Hefte, die man vorgestern gebracht hatte, einschreiben könne. Er hat das Bezugsbüchlein zu Hause nicht gefunden. Er fragte in dem Geschäft, ob es dort sei. Es war so. Das Packpapier kostete 1,60 fs., also mehr als 2 mal so viel als das Musterpapier, das man letzte Woche geholt hatte. Man hat 3 Sorten Hefte gebracht. Es sind breite Schönschreibhefte, vierfachlinierte für die Unterklassen, dreifachlinierte Hefte für die Mittelklassen, zusammen rund 1500 Stück.
Am Donnerstag Nachmittag kam eine Mädchenunterklasse aus der Stadt in Begleitung ihrer Lehrerin in die Anstalt. Die Lehrerin hat den Mädchen vorletzte Woche eine Erzählung vorgelesen, die von einem taubstummen Mädchen handelt.[1] Da erwachte die Neugier in den Mädchenköpfen. Sie wollten sehen, wie man taubstumme Kinder unterrichtet.
Gestern Morgen ist ein Schreiner gekommen. Alle wackeligen Stühle des Mädchenhauses wurden zusammengetragen. Der Schreiner reparierte sie in der Werkstätte des Knabenhauses. Es sind so viele Stühle kaput[t], dass im Wohnzimmer nur noch einer steht. Unsere Stühle sind nicht solid. Sie sind einmal billig gewesen.
Gestern Vormittag wurde ein taubstummes Kind vorgestellt. Es heisst Hans Schwendener; es ist von Buchs, wie alle Schwendener und Rohrer. Er ist bald 9 Jahre alt. Herr Bühr glaubt, dass es ein begabtes Kind sei. Er machte bei der Prüfung alles gut. Beim Bilderanschauen gebärdete es sofort lebhaft. Im Alter von einem Jahr ertaubte er an Gehirnentzündung.
[1]Vermutlich handelt es sich um die Biographie der taubblinden amerikanischen Schriftstellerin Helen Keller (1880-1968), die von ihrer Lehrerin, Anne Sullivan, unterrichtet worden war. Ihr Werk „Die Geschichte meines Lebens“ wurde zeitgenössisch stark rezipiert, in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch in Deutsch mehrfach neu aufgelegt. So weist z.B. die Kantonsbibliothek Vadiana in St.Gallen für das Jahr 1907 die 35. Auflage aus.
Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und A 451/7.4.02 (Bild)