Donnerstag, 9. März 1916 – Grösste Reinlichkeit und pein-lichste Ordnung für „arbeits-scheue Elemente“ und armen-genössige Personen

In ihrer Sitzung vom 9. März 1916 genehmigte die Regierung das Armenhausreglement der Gemeinde Henau in Niederuzwil (Nr. 604):

Artikel 2 beispielsweise hielt fest: Die Armenhausinsassen sind anständig zu kleiden, richtig zu ernähren und ihrem Kräftezustand entsprechend zu beschäftigen. In Artikel 6 heisst es: Alle neueintretenden Personen, event. auch deren Effekten [mitgebrachte Gegenstände, Kleider, etc.], werden gründlich gereinigt. Artikel 7 bestimmte: Die Insassen haben sich grösster Reinlichkeit und peinlichster Ordnung zu befleissigen. Alle den Armenhausinsassen zu dauerndem oder vorübergehendem Gebrauch angewiesenen Gegenstände, Werkzeuge und Gerätschaften in Haus und Scheune, Garten, Wies[e] und Feld sind schonend zu behandeln. Fahrlässige oder gar böswillige Schädigung oder Zerstörung derselben zieht Bestrafung nach sich.

Artikel 8 und 9 schieden Männlein und Weiblein voneinander und stellten Verhaltensregeln auf: Jede Person hat sich in der Anstalt anständig und zurückgezogen zu verhalten. Das Betreten anderer Zimmer und Räumlichkeiten, als wie sie den männlichen, resp. weiblichen Personen zugewiesen sind, ist strenge untersagt. Ausnahmen sind nur denjenigen gestattet, welche von den Armeneltern oder vom Armenpfleger mit speziellen Dienstverrichtungen beauftragt werden. Es haben sich die Insassen gegenseitiger Verträglichkeit zu befleissen. Fluchen und unanständige Redensarten sind strenge verboten. Beschimpfungen unter sich oder gegenüber Dritten werden bestraft, ebenso boshafte Neckereien und Zänkereien. […] Auch der Besuch von Wirtshäusern war den Armenhausinsassen und -insassinnen verboten, Rauchen nur an bestimmten Orten gestattet. Alle, die nicht krank oder gebrechlich waren, hatten an Sonn- und Feiertagen den Gottesdienst zu besuchen. Ausserdem konnte bei verdächtigen Personen (Artikel 16) die Post kontrolliert werden.

Artikel 18 und 19 enthielten die Strafbestimmungen: Zuwiderhandlungen gegen diese Hausordnung werden je nach Verhältnis und Umständen bestraft mit Mahnung, Mostentzug, Zimmer- oder Hausarrest und bis zu vier Tagen eigentlichem Lokalarrest. Dem Armenvater steht in Arreststrafen nur Kompetenz auf höchstens zwei Tage zu; weitergehende Strafen hat die Armenkommission zu verfügen. Ueber alle vollzogenen Arreststrafen ist ein eigenes Verzeichnis zu führen und jeweilen an den Kommissionssitzungen zu unterbreiten. Gegen Personen, welche wiederholt wegen Bettel und Vagantität polizeilich in die Anstalt eingebracht werden und sich gegenüber diesem Reglement und den Anordnungen der Armeneltern renitent zeigen, soll das gesetzliche Verfahren betreffend Versorgung in der Zwangsarbeitsanstalt eingeleitet und durchgeführt werden. Desgleichen wird mit arbeitsscheuen Elementen verfahren.

Bilder zu Armenhäusern sind relativ selten. Armenhäuser waren oft wenig vorbildlich geführt und deshalb häufig keine Aushängeschilder kommunaler Sozialfürsorge. Sie gehören infolgedessen zu den eher verschwiegenen Seiten einer Gemeindegeschichte. Noch seltener erscheinen sie auf Postkarten wie in den beiden Beispielen von Gommiswald von 1900 (Beitragsbild) und Zuckenriet von 1905:

Zuckenriet, 1905

Ausserdem befasste sich die Regierung unter anderem mit dem kantonalen Armenfonds, den Staatsanleihen, einer Heiratskaution (Nr. 605) und Wiedereinbürgerungsgesuchen:

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 und KA R.186-13e-aa (Texte) sowie W 238/06.05-06 und W 238/09.11-05 (Bilder)

 

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