Samstag, 18. März 1916 – Keine Küchli am Funkensonntag

Tagebucheintrag von Emma Graf, Schülerin der Taubstummenanstalt St.Gallen (heutige Sprachheilschule St.Gallen), geboren 1900:

Wir haben jetzt gerade Influenza im Hause. Mehr als 20 Mädchen sind bis jetzt erkrankt. 2 Mägde, Frl. Baur u. Frau Bühr haben es auch genommen.

Am Sonntag war der Funkensonntag. Bei uns gab es dieses Jahr keine Küchli, aus Sparsamkeitsgründen. Beim Mittagessen steckte Hr. Bühr einen Erdäpfel an ein Messer. Er zeigte ihn den Mädchen u. sagte: „Das sind die Küchli 1916.“ Am Abend sah man nur einige wenige Funken. Die Eisenbahnerbuben hatten auch einen Funken u. Feuerwerk abgebrannt. Sie hatten voriges Holz, wie es scheint, auch voriges Geld. Wir hatten einen sehr schönen Sonnenuntergang. Der Säntis glühte. Vom Säntis bis zum Bodensee war ein Abendrot. Wenn die Fremden den Säntis anschauen, rufen sie aus. Ah, wie schön! Sie sind entzückt. Wir waren auch entzückt.

Am Samstag bekam Frl. Baur Besuch von ihrer Schwester. Sie blieb bis am Montag Abend. Sie photographierte Ida Moser im Bett mit der Puppe. Heute Morgen nahm sie Hans auf als Kindergärtler. Er hatte eine Futterbüchse umhängen u. einen Entschuldigungsbrief in der Hand.

Herr Bühr musste letzte Woche Herrn Pfr. Hauri die Personalien der Konfirmandinnen mitteilen. Er hatte alle Angaben über Elsi u. Liseli. Meine u. Linas Personalien wiesen Lücken auf. Herr Bühr musste schnell heimschreiben u. die Eltern um diese Angaben bitten. Herr Bühr hat bis jetzt weder von meinen Eltern, noch von Linas Mutter Antwort bekommen.

Am Montag ging Lina Tobler in die Stadt. Sie holte bei der Buchbinderin ihre zu einem Buch gebundenen Hefte. Nachher ging sie in die Engelapotheke. Sie klagte uns beleidigt, dass sie dort lange warten musste. Jetzt gerade gibt es viele kranke Leute in der Stadt. Die Ärzte u. die Apotheker haben alle Hände voll zu tun. Gegenwärtig haben in der Schweiz viele Apotheker keine Gehilfen mehr. Die Gehilfen sind Deutsche; sie mussten einrücken.

Am Abend hatte die Kommission eine Sitzung. Herr Bühr war auch dabei. Sie beschloss, dass wir dieses Jahr keine Schlussfeier haben. Sie berücksichtige Herrn Bührs Gesundheit. Herr Bühr machte der Kommission Mitteilungen über die Personalien der austretenden u. der neueintretenden Zöglinge. Unsere Entlassung findet am 29. April statt.

Am Dienstag gingen Klara Kellenberger u. ich in die Stadt. Zuerst warfen wir die Briefe auf der Post ein, die Herr Bühr uns mitgegeben hatte. Dann gingen wir zu der Buchbinderin, Frl. Ösch. Ich brachte meine Hefte zum Binden. Darauf holten wir bei Biedermann eine Büchse Biomalz für Frl. Wachter. Sie kostete 2,90 fs. Biomalz hat also nicht aufgeschlagen, obwohl das Blech, das Malz u. der Zucker riesig in die Höhe gestiegen sind. Ich sagte, das Biomalz sei aus Blech. Herr Bühr sagte, das wäre unverdaulich. Er las an einem Abend im Tagblatt, man habe irgendwo eine Kuh geschlachtet. In ihrem Magen habe man eine Blechbüchse, ein Trinkglas, einige Löffel, verschiedene grosse Nägel u. anderes mehr gefunden. Als die Kuh noch lebte, musste der Bauer den Viehdoktor kommen lassen, weil die Kuh immer brüllte vor Schmerzen. Der Arzt untersuchte sie, aber er hat nicht gefunden, was ihr weh tut. Wahrscheinlich sind die Sachen jahrelang in ihrem Magen gelegen. Armes Vieh! Hierauf gingen wir zu Kirchhofer. Dort kauften wir eine Buschel gelbe Margritten [sic] für Frl. Groth. Zum Schluss gingen wir zu Schlatter. Wir haben dort 1 kg Würfelzucker für Frl. Wachter geholt. Es kostete 1,05 fs. Die Zuckerpreise sind vom Bundesrat festgesetzt.

Gleichentags traf sich auch die Regierung zu einer Sitzung. Unter anderem erklärte sie sich im Entscheid Nr. 663 auf Zusehen hin damit einverstanden, dass die Gemeinde Jonschwil die Nachtwache im Dorf aufheben dürfe. Die Gemeinde hatte argumentiert, sie verfüge über eine ganznächtige elektrische Beleuchtung und eine gut funktionierende Hydranteneinrichtung (zum Löschen von Bränden):

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Tagebuch) und P 909, 02.03.1916, Morgenblatt (Reklame) sowie ARR B2-1916

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