Maelzerei

Donnerstag, 11. Januar 1917 – Der Architekt repariert noch eine Nähmaschine

Tagebucheintrag von Johann Baptist Thürlemann (1852-1939), Oberbüren:

Donnerstag den 11. Januar 1917

Dunkler, mässig kalter Wintertag. Der Schnee war morgens leicht gefroren. Vormittags beständiges feines Schneien. Südwestwind. Ueber Mittag etwas aufthauend; der Schnee wurde nass. – Auch nachmittags schneite es zeitweilig leicht. Gegen Abend zertheilte sich das Gewölke etwas & stellenweise bemerkte man helle Parthien. Die Temperatur sank etwas. Nacht anfangs wolkig; später mondhell. Gegen Morgen bedeckt.

Morgens von ½ 8 h bis 8 ¼ Uhr war Caroline [Wick, Haushälterin] in der Kirche. –

Ich war vormittags mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt. –

Caroline besorgte die Küche, da wir auf heute Ludwig zum Mittagessen eingeladen hatten.

Ludwig erschien um ½ 12 Uhr. Das Mittagessen bestand aus: Zwiebelsuppe mit Bouillon & Ei. Schüblinge mit gebratenen Kartoffeln und Aepfelmus.

Getränk: Kathrein [Malzkaffee] (: ½ Liter vom «Hirschen» – gratis.)

Nach dem Essen rauchten wir eine Cigarre. – Um ½ 2 Uhr kehrte Ludwig in den «Hirschen» zurück.

Nachmittags besorgte ich Büreauarbeiten & reparierte auf Ansuchen der Lydia Scheiwiller (Mietstochter) den zerrissenen Schwungradriemen ihrer Nähmaschine, indem ich die beiden Stücke mit festem Draht zusammenhängte & solid verband.

Abends bereinigte ich mein Tagebuch & las die Zeitungen.

Von 1&2 6 h abends bis ¾ 8 Uhr machten Rosa Scheiwiller, Bäcker’s von Flawyl, mit ihrer kleinen Tochter Frieda & Frau Posthalter Pauline Stolz dahier einen Besuch in der obern Wohnung unseres Hauses – bei Wittwe [sic] Josepha Scheiwiller. Bei ihrer Abreise, ¾ 8 h, unterhielt ich mich einen Augenblick im Hausgang mit ihnen & verabschiedete sie.

Später las ich noch einige Zeit & begab mich um 10 Uhr zu Bette. –

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 035b (Familie Thürlemann zum Hirschen, Tagebücher von Architekt Johann Baptist Thürlemann, 1852-1939) und ZMH 59/011 (Auszug aus Briefkopf: Malzfabrik Rheineck, Hasler & Co., Rheineck und Rorschach, 1916)

Naehmaschine

Dienstag, 9. Januar 1917 – Der Architekt repariert eine Näh-maschine

Tagebucheintrag von Architekt Johann Baptist Thürlemann (1852-1939), Oberbüren:

Dienstag den 9. Januar 1917

Kalter, meist dunkler Tag. Einige Male etwas aufheiternd. Morgens hart gefroren. Tagsüber scharfer, rauher Nordostwind. Nachmittags leicht auftauend. Feucht kalt. – Man war genöthigt 2 Mal einzuheizen. Abends im Westen ziemlich hell. – über dem Horizont gelber Himmel. – Nacht ziemlich bedeckt. Matt mondhell. Gegen Morgen Schneefall.

Ich war heute den ganzen Tag mit Büreauarbeiten beschäftigt.

Mittags wurde ich in die obere Wohnung, zu Frau Scheiwiller gerufen, um eine Reparatur an der Nähmaschine vorzunehmen. Die Fadenspannung war aus ihrer Einrichtung gerathen & die einzelnen Theile hatten sich gelöst. Es erforderte einige Arbeit, um den Mechanismus kennen zu lernen & die einzelnen Theile wieder kunstgerecht einzufügen.

Abends las ich die Zeitungen & begab mich um ½ 10 Uhr zu Bette.

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 035b (Familie Thürlemann zum Hirschen, Tagebücher von Architekt Johann Baptist Thürlemann, 1852-1939) und ZMH 02/056 (Quittierkarte, 1913)

Fussbodenlack

Samstag, 16. Dezember 1916 – Gewichste Treppen und ihre Folgen

Der Regierungsrat hatte sich in seiner Sitzung viel zu tun. Das Protokoll umfasst über 45 Seiten üblicher Geschäfte. Am ehesten fällt noch die Bewilligung einer Unfallentschädigung an einen Polizisten auf. Der Landjäger hatte sich infolge Ausgleitens auf einer gewichsten Treppe einen Rippenbruch zugezogen (Nr. 2888). Ausserdem sollte ab Januar 1917 im regierungsrätlichen Lesezimmer neben den üblichen Abonnements zusätzlich das Obertoggenburger Wochenblatt aus Nesslau, der Bezirksanzeiger Untertoggenburg aus Flawil und der Bezirksanzeiger Neutoggenburg aus Lichtensteig aufgelegt sein (Nr. 2917). Sämtliche Geschäfte lassen sich hier nachlesen:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte)

Frauen mit Kinderwagen im Stadtpark St.Gallen, ca 1910

Donnerstag, 7. Dezember 1916 – Heizen ist gefährlich

In kleiner Besetzung mit nur vier anwesenden Regierungsräten beschloss das Gremium u.a. die Bewilligung von Arbeitszeitverlängerungen in der Schokoladenfabrik Maestrani in St.Gallen, in der Färberei der Firma Heberlein in Wattwil und in der Maschinenfabrik der Gebrüder Bühler in Uzwil (Nrn. 2800-2802).

Ausserdem bewilligte sie eine Brandschadensvergütung an die Bauernfamilie des Josef Martin Stadler in Waldkirch (Nr. 2804). Die Schilderung des Brandfalls vom 20. November 1916 gibt u.a. Einblick in den Alltag einer Bauernfamilie. Nicht alle Frauen hatten Zeit, ihre Kinder im Stadtpark spazieren zu führen, wie auf dem Beitragsbild zu sehen: Die Brandursache ist als ermittelt zu betrachten. Am Morgen des kritischen Tages verwendete Frau Stadler zum Heizen des Ofens eine Zaine voll Holzabfälle und schüttete dann um 9 Uhr noch eine zweite Zaine voll nach. Um den Ofen herum hatte Frau Stadler Kindswäsche zum Tröcknen [sic] aufgehängt. Nachdem sie die Hausgeschäfte und die drei Kinder im Alter von 4 und 2 Jahren, bezw. von drei Monaten, besorgt hatte, schloss sie das älteste und jüngste Kind ein und begab sich auf eine unweit gelegene Wiese, um daselbst mit dem Knechte Laub unter den Bäumen zu sammeln. Als Frau Stadler etwa eine Viertelstunde auf der Wiese ihrer Arbeit obgelegen hatte, wurden der Knecht und sie auf das Schreien des Knaben aufmerksam und mussten dann wahrnehmen , dass aus und um das Kamin herum starker Rauch aufstieg. Der Ehemann Stadler war auch nicht zu Hause, sondern mit Kiesführen beschäftigt und kam mit seinem Fuhrwerk kurz vor 10 Uhr noch beim Hause vorbei, ohne jedoch Brandgeruch oder Rauch zu verspüren. Frau Stadler war die Erste, welche im Hause eintraf, und es gelang ihr, in der mit Rauch dicht angefüllten Stube das Kind aus dem Stubenwagen zu retten, welches am Kopfe und an den Händchen schon starke Brandwunden hatte. Das Kopfende des Stubenwagens und dessen Vorhang waren bereits stark angekohlt, bezw. verbrannt. Das Mädchen wurde vom Knechte durch ein Fenster der Nebenstube gerettet. Die Gebäulichkeiten mussten, da die notwendigen Feuerlöschgerätschaften in Obergrimm nicht vorhanden waren und wirksame Hilfe von Fronackern-Andwil und Waldkirch der weiten Entfernung wegen erst spät eintraf, dem Feuer überlassen werden.

Es darf mit Sicherheit angenommen werden, dass der Ofen mit den zwei Zainen voll Stockabfällen überheizt worden ist und dadurch die um denselben aufgehängte Kindswäsche in Brand geriet. Der Brandgeschädigte und seine Ehefrau, welche nach der Darstellung des Untersuchungsamtes durch den Brand erheblichen Schaden erleiden, sind sehr gut beleumdet und stehen bezüglich der Veranlassung des Brandes ausser jedem Schuldverdachte. Eine weitere Aufschiebung der Schadensreglierung [sic] oder gar eine Kürzung der Schadenssumme erscheint nicht begründet. 

Ausserdem befasste sich der Regierungsrat mit folgenden Themen:

 

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, ARR B2-1916 (Texte) und ZMA 18/01.05-30 (Ansichtskarte vom Stadtpark St.Gallen mit Volière, ca. 1910, Ausschnitt)

Samstag, 8. April 1916 – „Der herrlichste aller Berufe“

Die Kantonsregierung und die Landwirtschaftliche Gesellschaft des Kantons St.Gallen hatten 1896 gemeinsam die landwirtschaftliche Schule Custerhof in Rheineck gegründet. Dieser wurde 1915 eine bäuerliche Haushaltungsschule angegliedert. Auch 1916 wurde zur Teilnahme an den Kursen aufgerufen. Der «St.Galler Bauer» berichtete darüber:

Hauswirtschaftsschule Custerhof-Rheineck.

(Mitteilung des kantonalen Volkswirtschaftsdepartementes.)

Die Hauswirtschaftsschule Custerhof-Rheineck hat den Zweck, Töchtern vom Lande in kurzfristigen, nicht teuren Kursen die Kenntnisse, die ein bäuerlicher Haushalt erfordert, zu vermitteln. Ausser den Hausgeschäften soll auch der Feldgemüsebau, die Geflügel- und Schweinehaltung, ihrer Wichtigkeit entsprechend, behandelt werden. Für das laufende Jahr sind wiederum zwei vierteljährliche Sommerkurse vorgesehen. Der erste Kurs beginnt am 25. April und endigt am 15. Juli, der zweite beginnt Ende Juli und schliesst Mitte Oktober. Tüchtige Lehrkräfte bürgen für einen gediegenen Unterricht und beste Einführung in die praktische Haushaltung.

Aufgenommen werden nur Töchter, die mindestens 17 Jahre alt, gut beleumdet und befähigt sind, dem Unterrichte zu folgen. Für Kost und Logis sind bei Beginn des Kurses 100 Fr. zu entrichten. Dagegen kann unbemittelten, tüchtigen Schülerinnen das Kostgeld ganz oder teilweise erlassen werden.

Das Unterrichtsprogramm kann bei der Custerhof-Direktion in Rheineck bezogen werden, die gerne bereit ist, jede wünschbare Auskunft zu erteilen. Sie nimmt auch die Anmeldungen entgegen und zwar für den ersten Sommmerkurs bis zum 17. April l. J.

(Siehe Inserat der letzten Nummer.)

Bereits in der vorangehenden Ausgabe war im St.Galler Bauer (Heft 13, 01.04.1916, S.194-197) ein Werbetext für den Kurs 1916 erschienen, verbunden mit allgemeinen Überlegungen zur Ausbildung der Frauen in der Landwirtschaft:

Die Ausbildung der Bauerntochter

Die schweizerischen bildungsbeflissenen Bauernsöhne haben in den letzten Tagen ihre Fachschulen verlassen, um den Sommer über im Schweisse ihres Angesichtes auf der heimatlichen Scholle ihr Brot zu verdienen. Die Lehren der Anstalt werden sie bei allen Arbeiten begleiten, hier Anregung bringend, dort das Verständnis vertiefend. Diesen kraftstrotzenden Bauernburschen wird ihr Beruf ganz neu erscheinen. Jetzt gibt die vertraute Arbeit auf einmal so viel zu denken und zu vergleichen, was man nie für möglich gehalten hätte. Manches, das früher als einfach erschien, wird heute mit aller Sorgfalt erwogen. Überall auf Schritt und Tritt wird man zu neuen Gedanken angeregt. Man rechnet und erwägt. Das früher für einfach gehaltene Gewerbe bietet dem zum wirtschaftlichen Denken trainierten Geiste eine Fülle von Aufgaben, die gar nicht leicht zu lösen sind, die die konstante Anspannung der geistigen Kräfte erfordern. Und trotz dieser weit grösseren geistigen Arbeit ist der Beruf nicht mühsamer, sondern schöner geworden. Man beginnt, das Schaffen der Natur zu verstehen. Die früher gehörten Theorien sieht man in dem unendlich interessanten Wirken der Natur bestätigt. Sie selbst führt uns mit der besten Lehrmethode in ihr Werden ein; sie entwickelt einen Anschauungsunterricht, der Gedanken und Gefühle in ihren Bann zieht. Sie ist ja die beste Lehrmeisterin. Wer solcher Lehre nicht zu folgen sucht, passt nicht in den herrlichsten aller Berufe, mitten in das keimende und blühende Leben hinein. Dahinein gehört nur der, dessen Geist und Gefühle auch lebendig sind, der sich mit dem Walten der Natur eins fühlt, weil er auch ein Teil dieser Schöpfung ist, leben, blühen und Früchte tragen will. Das angestrengte Denken im landwirtschaftlichen Berufe ist daher keine Last. Es wird im Gegenteil zu einer unversiegbaren Quelle der Freude, es ist ja auch Leben und Entwicklung, sicherlich die höchste Funktion jeglichen Lebens. Und weil das so ist, so kann der Lohn solchen Strebens auch nicht ausbleiben. Wo ein geschulter, verständnisvoller Geist der wackeren, schwieligen Hand die Wege weist, da wohnt der Friede und der Erfolg.

Wo aber die freundliche Stimme der verständnisvollen Bauersfrau nicht erklingt, da ist das volle und wahre Glück doch nicht zu Hause. Es mag wohl ein rationeller Betrieb erstehen, dem Bauer fehlt aber doch die rechte Hand, die das häusliche Glück gestaltet, den Garten erblühen lässt und die feine Fürsorge, die die kleineren und doch so wichtigen Sachen des Betriebes regelt. Es fehlt ihm vor allem aber auch das Frauengemüt, das Gegensätze ausgleicht und in das gemeinsame Leben der Bauernleute den Sonnenschein des Familienglückes ausbreitet. Die Aufgaben der Bauersfrau sind daher so bedeutungsvolle, dass auch die Tochter im Hinblicke auf ihren zukünftigen Beruf erzogen und gebildet werden muss. Versagen wir ihr die Fachbildung, so nehmen wir ihr die beste Gelegenheit zur Vorbereitung für ihren Beruf.

Vielfach vernehmen wir die Klage, dass Bauerntöchter dem schönen elterlichen Berufe den Rücken kehren, den Angestellten oder Handwerker dem Bauersmanne vorziehen, für das Schalten und Walten im grossen Bauernhaushalte kein richtiges Verständnis mehr haben. Ist es angesichts dieser Tatsachen am Platze, dass man durch Strenge und Schimpfen den leidigen Zustand zu heben sucht?

Wir glauben nein. Der Zweck könnte auf diese Art und Weise doch nicht erreicht werden. Hier gibt es nur zwei Mittel, die zum Ziele führen. Das eine heisst Förderung der Prosperität der Landwirtschaft im allgemeinen und das andere gründliche und verständnisvolle Ausbildung der Bauerntochter. Sie ist so heranzubilden, dass sie die Bedeutung ihrer Aufgabe erfasst und derart in die Materie einzuführen, dass sie ihren hehren Beruf kennen und lieben lernt. Wenn wir die Bauerntochter soweit bringen, dass sie den Elternberuf nicht nur achtet, sondern liebt, dann haben wir das Problem gelöst. Berufsliebe ist aber beim intelligenten Menschen nur dann möglich, wenn er den Beruf gründlich beherrscht, wenn er sein feineres und tieferes Wesen erfasst und die Bedeutung und den Erfolg seiner Leistungen am Volksganzen zu messen versteht. Wenn er einsieht, dass er am grossen Mechanismus ein brauchbares Rädchen darstellt, dann erhält die Arbeit die richtige Weihe und das Leben einen schönen Zweck. Ein solches Leben verdient gelebt zu werden.

Die bäuerlichen Hauswirtschaftsschulen, die in Verbindung mit den landwirtschaftlichen Instituten stehen, haben diese Aufgabe zu erfüllen. In diesem Gedanken ruht der Kern des ganzen Lehrplanes.

Die bäuerliche Hauswirtschaftsschule unseres Kantons am Custerhof in Rheineck wird am 25. April ihre Tore dem dritten Kurse öffnen. Es ist zu hoffen, dass unsere währschaften Bauernfamilien ihre Töchter der Lehranstalt anvertrauen. Die Bauerstochter soll ihre Bildung nicht in einem Dameninstitute, sondern in der bäuerlichen Hauswirtschaftsschule erlangen, die auf Bauernboden verpflanzt ist und Erdgout atmet.

Sch. [vermutlich Traugott Schneider-Bugg (1886-1961), Direktor des Custerhofs, Präsident der Landwirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons St.Gallen von 1914-1924, später Kantonsrat]

Die Fotografie zeigt den vierten Kurs der Bäuerlichen Hauswirtschaftsschule Custerhof 1916. In der Mitte hinter dem Tisch sitzt Nina Schneider-Bugg (1888-1926), die zusammen mit ihrem Ehemann, Traugott Schneider, die neue Ausbildung für Bauerntöchter aufgebaut hatte.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 248/82 (Text: St.Galler Bauer, 3. Jahrgang, Heft 14, 08.04.1916, S. 209; Bild: St.Galler Bauer, 4. Jahrgang, Heft 7, 17.02.1917, S. 105)