Verpflegung

Dienstag, 27. Februar 1917 – Soldatensprache: Verpflegung

Beitragsbild: Füs Bat 79 (Füsilier Bataillon 79) im Winterdienst im Oberengadin, 1915/16, Feldküche auf Schlitten

Der Vortrag von Heinrich Zogg zur Soldatensprache erschien in mehreren Folgen (vgl. Beiträge vom 8. und vom 9. Februar). Nachdem es zunächst um die Ausrüstung des Soldaten gegangen war, widmete sich der Autor der Verpflegung:

Die Neuschöpfungen erhalten dort, wo es sich um die Ernährung handelt, eigenartiges Gepräge. Wenn die Liebe des Mannes durch den Magen geht, so ist auch die Dienstfreudigkeit stark abhängig von der Verpflegung; hängt doch vom guten oder “schlimmen” Essen weit mehr ab, als auf den ersten Blick erscheint. Ich hörte wenig klagen, und das gesunde Aussehen würde die Kläger Lügen strafen, trotzdem sind aber die Ausdrücke oft reichlich grob beschaffen.

Der Kaffee am Morgen heisst: Bundesbrüh, Gluriwasser, Grampolwasser, Abwäschwasser, Schweisssockebrüh, Nagelbrüh, wenn von “Gülle” gesprochen wird, schlägt die Stimmung schon gereiztere Formen an [sic]. Geringer Gunst erfreute sich früher der Kakao: Abwäschwasser, Seifewasser, Ziegelwäschete, Negerschweiss zeugen dafür; als Abwechslung ist er trotz alledem hochwillkommen.

Des denkbar besten Rufes erfreut sich mit Recht unser vorzügliches Brot; seine Güte wird kaum angefochten; über Form und Grösse sind die Meinungen verschieden: Wegge, Bundesgugelhopf, Arbeitergugelhopf, Magetrost, Soldatewohl, Bundesziegel, -tirggel, Zahplombe; jeder Ausdruck verrät “wohlgesinnte Vertilger”. Auf Vorposten im Hochgebirge entstand das Wort “Gemseeier”. Die Suppe, nebst dem Brot das begehrteste und beste Nahrungsmittel, tauften die Leute sehr abweichend. Süppli, sagt der Hungrige; Schnalle ist gang und gäb, ohne die geringste Nebenabsicht. Dräckschnalle, Sauschnalle schimpfen die Nimmersatten. Harzwasser und Magenwasser stamen aus der Zeit des Pionierdienstes. Für Handlangerpflume, Soldateeier, Hännevogeleier sagen wir sonst Erdäpfel, noch öfter “Hörpfel” [Kartoffel]. Nudeln und Makkaroni sollen nach Bächtold [Schweizer Sprachforscher, s. Hinweis] als Kanone- und Zementröhre, als Treubruchnudle bezeichnet werden. Bei uns war die Esserei stets so rege, dass ich keine besondern Benennungen erlauschen konnte. Die Einbildungskraft des Soldaten hat sich von jeher mit dem Spatz befasst. Es heisst nicht “Fleisch fassen”, sondern “Spatzen fassen”. Hartes, zähes Fleisch heisst Negergummi, Sohlleder, Kautschukplätz; en Hüspatz ist von einem Ross [Pferd]. Sind die Stücke gar zu klein, ist’s en Photographiespatz, en Ibildigsspatz [Einbildungsspatz], e Zahplombe, weil damit gerade ein hohler Zahn gefüllt werden kann. Um anzudeuten, wie klein die Spatzen geraten sind, sagt wohl einer zum andern: “Pass uf, heb de Spatz, i muess schnufe”; wer zwei “wegdrückt”, wird gefragt: Was, witt zur Kavallerie? Hesch d’Sohle durglaufe? Witt en Regemantel mache? Hesch im Sinn, de Füchse zlegge (ködern)? usw.

Eine eigenartige Verkleinerung enthält auch der Ausdruck: Hüt hemmer e Photographie vonere Ahnig (Ahnung!) zfresse = kleiner, dünner Käse. Der Lichtbildnerei sind auch die “Schattebilder” entlehnt, womit dünne Kässchnitten gemeint sind. In das gleiche Stoffgebiet gehören: Kommandokäs, Arrestantenfänger, Magenärger. 1914 und auch später war es aus an und für sich selbstverständlichen Gründen verboten, die Zwischenverpflegung, wozu eben meist der Käse dient, ohne besondern Befehl einzunehmen. Gab’s dann unvermutet “Käseinspektion”, so wurde rasch Güterteilung vorgenommen, oder wenn dies nicht mehr möglich oder ratsam erschien, musste halt ein Bundes-Freitag mit in Kauf genommen werden.

Hinweis: Mit “Bächtold” ist vermutlich Hanns Bächtold-Stäubli (1886-1941) gemeint, der 1916 ein Bändchen mit dem Titel “Volkskundliche Mitteilungen aus dem Schweizerischen Soldatenleben” publiziert hatte.

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Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, P 945 (St.Galler-Blätter für Unterhaltung und Belehrung aus Kunst, Wissenschaft und Leben, Illustrierte Sonntagsbeilage zum St.Galler Tagblatt, N. 9, 1917) und W 131/3.33 (Beitragsbild, Legende s. oben) sowie W 132/2 (Bild: Geb Sch Bat 8 (Gebirgs Schützen Bataillon 8) im Aktivdienst 1914-1918)

 

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