Ferienbericht

Weihnachtsferienbericht

TaubstummenanstaltAb dem 1. Januar 2016 publiziert das Staatsarchiv St.Gallen täglich eine Quelle, die vor genau hundert Jahren geschrieben wurde. Die historischen Zeugnisse geben einen Einblick in die Zeit des Ersten Weltkriegs und wie die Menschen im Kanton St.Gallen sie erlebt haben. Hier als Beispiel vorweg ein Tagebucheintrag:

Die fünfzehnjährige Emma Graf war gehörlos. Sie besuchte die damals sogenannte Taubstummenanstalt St.Gallen (heute: Sprachheilschule). In ihrem Schultagebuch, aus dem im History Blog mehrfach zitiert wird, berichtete sie am 8. Januar 1916 auch über die Weihnachtsferien 1915/16, die sie zu Hause bei den Eltern verbracht hatte:

Am 22 Dez. feierten wir die Weihnacht [in der Schule]. Wir wurden reich beschenkt. Am folgenden Tag durften wir in die Ferien gehen. Mein Vater holte mich auf dem Bahnhof Ziegelbrücke ab. Dann fuhren wir mit dem Wagen heim. Am Abend musste ich den Christbaum schmücken, weil Mama keine Zeit  hatte. Am 25. Dez. Nachmittag waren Mama u. ich in der Turnhalle. Dort war eine Theatervorstellung. Nur grosse Kinder waren Schauspieler. Am Abend hatten wir die Weihnachtsfeier. Am Stephanstag war es bei uns ganz still. Keine Leute wurden eingeladen. Meine Eltern konnten keinen Nidel kaufen. Am Morgen früh sind viele grossen Knaben aufgestanden. Sie gingen hinaus durch das Dorf u. machten einen Heidenlärm. Dort hat der Gemeindeschreiber den Bettel streng verboten. Je ein Kind musste eine Busse von 2 Fr. bezahlen. Am Neujahrstag Mittag gab es eine Überraschung. Bruder Jakob ist auf Besuch gekommen. Wir kannten ihn fast nicht, weil er mager u. bleich geworden ist. Am Abend waren Jakob, Ida, Frl. Thoma u. ich beim Schauturnen. Es gab auch Musik u. eine Vorstellung. Es hat 4 Stunden gedauert. Am Sonntag kam eine Feuerwehrversammlung zu uns. Dann gab es ein anderes Spiel. Am Mittwoch gingen Mama, Jakob u. ich nach Glarus. Wir wollten Fr. Dr. Mercier besuchen. Fr. Dr. war nicht daheim. Sie ist verreist. Dann besuchten wir die Grossmutter u. die Verwandten. Zum Schluss gingen wir zu Familie Wäch [?]. Herr Wäch war vor 4 Jahren in Jerusalem als Monteur. Sein Sohn heisst Walter, der hat viele Soldatenspiele. Am 6. Jan. musste ich um 3 Uhr in Ziegelbrücke einsteigen. Dann fuhr ich allein nach Uznach. Mein Vater sagte mir, ich solle 15 Min. in Uznach warten, dann könne ich in den St.Gallerzug steigen. Als ich auf die Uhr schaute, waren schon 40 Min. vorbei; der St.Gallerzug kam immer noch nicht. Da ging ich zum Bahnhofvorstand. Er sagte, der St.Gallerzug gehe erst um halb 6 Uhr. Er telegraphierte dem Vater, was er machen solle. Der Vater telegraphierte zurück, ich solle wieder heimkehren. Am Freitag bin ich wieder besser gereist. Jakob ging am gleichen Tag fort nach Burgdorf.

 Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 206 (Text) und ZMH 64/127 (Abbildung)

Kommentare zu “Weihnachtsferienbericht

  1. Es macht grossen Spass und ist sehr informativ diese Unterlagen zu lesen.
    Die Angaben der Kategoriensuche sind sehr hilfreich.
    Vielen Dank
    Martha Beéry-Artho
    IG Frau und Museum

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