Briefpapier Grand Hotel

Mittwoch, 11. April 1917 – Interniertenlager in Château d’Oex

Der Psychiater Franz Beda Riklin leistete in den Waadtländer Alpen Dienst. Er leitete in Château-d’Oex ein Interniertenlager u.a. für englische Offiziere und hatte sich im Grand Hotel einquartiert, was er sich eigentlich nicht leisten konnte (s. weiter unten).

Während des Ersten Weltkriegs beherbergte die Schweiz über 12’000 Kriegsverletzte aller Parteien in verschiedenen Luftkurorten der deutschen und der welschen Schweiz.

Über seinen Einsatz schrieb Riklin in einem Brief vom 8. April 1917: Mein Vorgänger ist ein Arzt von hier, der genug hat, aber mir noch in Musse alles zeigen kann. […] Was schert mich im Grunde dieser Betrieb. Ich bin eine Art Anstaltsdirektor od. dgl., u. offenbar auch eine Art Diplomat. Ich fange erst morgen um 9 Uhr an zu arbeiten und bin im übrigen vollständig Einzelwesen [?].

Manchmal dauerte die Tätigkeit bis abends spät, wie er zwei Tage später schrieb: Es war schlimm, gestern nochmals bis fast Mitternacht aufbleiben zu müssen; aber es kam von Vevey der noch höhere Offizier, ein Major de la Harpe, der mich sehen wollte. Ich habe hier eine eigentümliche Stellung, die ich zuerst noch erfühlen muss; jedenfalls ist es für mich persönlich mehr eine diplomatische u. administrative Stellung; rein ärztlich habe ich nichts zu tun. Es muss mehr jemand da sein, der zur Sache sieht und eine Instanz ist. […] Ich werde hier isoli[e]rt bleiben müssen, denn die Engländer sind hier Internierte u. Klatschbasen u dgl., u. da muss ich würdevolle Distanz behalten. Also muss ich mehr in die Ferne denken. Ich rede dann zum mindesten den bessern englischen Akzent als die Herren hier, was auch die engl. Offiziere angenehm bemerkten.

Am 11. April schrieb Riklin gleich zwei Briefe an seine Ehefrau, hier der eine:

Chateau d’Oex, 11. April 1917.

Liebster Schatz!

Heute regnets wieder u. ist kalt. Gestern war ich zu Inspektion in Rougemont. das ist ein  noch unverdorbenes Dorf, mit einem [unlesbar] u. hübschem Schlössli u. Kirche. Ich lasse mir von den behandelnden Ärzten alle Leute vorzeigen u. sehe die verschiedenen Kriegsfolgen, zunächst am Leib: Glasaugen, amputi[e]rte Beine, Lähmungen, grosse Narben, das ganze Heer der Krüppel. Zweiten allerhand interne Übel. Drittens sieht man ziemlich viel Alkoholismus. Die alten Kastenoffiziere sind durchschnittlich widriger u. ungebildeter als die der sog. neuen Armee. Aber man fragt sich doch, in was für eine Welt von Geistiger [sic] Armutei [sic] man hineingeraten ist. Anderseits hat man durch die Leute den Kontakt mit allerhand Ereignissen: Fliegerkämpfen, [Wortanfang gestrichen] und bekannten Daten der Kriegsgeschichte. Es sind auch Gurk[h]as hier mit ihrem religiösen E[th]os [?] u. Begräbniszeremoniell, Kanadier, Australier, Irländer u.s.f.

Ich habe heute Fr. 50.- auf den Postcheckkonto einbezahlt, vorläufig der Betrag, den ich mitgenommen hatte.

Es gibt Tage, wo ich doch ziemlich viel zu tun habe; ich bin den Anstalts- & Familienpflegebetrieb doch nicht mehr so gewohnt.

Ich will heute noch den Kindern schreiben.

Nimm für den Moment mit diesem Vorlieb [sic], da man zum Essen klingelt, u. sich bin ausserordentlich begierig, was in Morcote ist, u. was mein lieber Schatz dort erlebt.

Mit den herzlichsten Grüssen

Dein treuer

Franz

Der andere Brief des Tages lautete so:

Ch. d’Oex, 11. April 1917.

Liebster Schatz!

Heute vormittag kam Dein erster Brief mit all den guten Nachrichten. Jetzt fährst Du gerade nach Morcote, bist schon bald in Lugano u. hast schönes Reisewetter. Vorläufig ist es hier nicht uninteressant, man sieht in einem Menge neue Verhältnisse hinein. Natürlich wiegt das Administrative vor. Aber es ist auch lustig, zu sehen[,] wie alles auf Englisch aussieht. Ich habe mir eben eine englische Ordonnanz geben lassen; es sieht besser aus, u. ich erfahre auch, wie der Soldat u. Mann aus dem Volk dort denkt. Gestern habe ich etwas billigere Pensionen angesehen, 6-7 frs.; die Zimmer sind recht; aber die Eigentümer sehen nach meinen Begriffen etwas grusig [schweizerdeutsch für unappetitlich] aus u. das Mobiliar auch ein wenig, sodass ich fast stutzig geworden bin. Ich sehe mir jetzt noch eine an.

Mein ganzer Sold beträgt sogar frs. 21.50 cts pro Tag.

Also die „Verkündigung“ [Titel eines von Riklin gemalten, verkauften Bildes] ist verreist. Von hier aus empfinde ich merkwürdig wenig dazu, obwohl ich weiss, dass viel Kühnheit u. Wagen im Bilde ist.

Gestern kam mir der Gedanke wieder, ganz impressionistisch – od. expressionistisch über innere u. äussere Eindrücke hier zu schreiben. Das gäbe noch ein wenig Geld u. wäre eine Verarbeitung von dem, was ich doch aufnehmen muss. Der Gegensatz zwischen Muss und dem freien Annehmen der Eindrücke würde gemildert. Material wäre reichlich da, wenn man aus allem etwas formen könnte.

Malen kann ich noch nicht. Das Wetter war zu schlecht u. das zimmer im Hotel nur abends etwas geheizt. Heute ists [sic] schön, aber wir machen eine Inspektionsreise.

Herzliche Grüse von Deinem treuen

Franz.

Zu Franz Beda Riklin vgl. auch die Beiträge vom 20. und vom 26. Juli 1916.

Zu den Internierungen in der Schweiz vgl. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8704.php

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 106 (Briefe von Franz Beda Riklin an seine Ehefrau, 1917; Texte und Beitragsbild)

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