Sonntag, 23. August 1917 – Endlich ein Wiedersehen mit Margrit P.!

Aus dem Tagebuch von Ernst Kind, Zürcher Kantonsschüler mit St.Galler Wurzeln:

Etwa 8 Wochen habe ich Margrit P. nicht mehr gesehen. Ich empfand das oft sehr stark während der Ferien, wenn das auch nicht so stark zum Bewusstsein drang wie in den Frühlingsferien in St.Gallen, wo es mir schon weh tat, aus Zürich wegzugehen und so die Entfernung zwischen ihr und mir noch zu vergrössern. Sind meine Empfindungen für sie unterdessen schwächer geworden? Ich bin sicher, dass das nicht wahr ist. Sie sind gemässigter; ich stehe aber nicht über ihnen und will es auch nicht in dieser Beziehung. Es ist meine erste Hoffnung, bald wieder eine Gelegenheit zu haben, um einige Worte zu ihr zu sprechen und von ihr zu hören. Ich weiss sicher, dass in diesen Ferien kein Tag verging, ohne dass ich, wenigstens für Augenblicke, an sie dachte; oft aber hing ich diesen Gedanken stundenlang nach. Ganz von selbst habe ich mir angewöhnt, bei allem, was ich tue, mir ihre Gegenwart vorzustellen; ich meine bei allem, was ich tue, nehme ich an, sie sehe es. Mein Tun hat viel Gewinn davon, wenn sich das Zusammennehmen auch oft auf Äusserlichkeiten beschränkt.

Seit letzten Montag (20. Aug.) hat die Schule wieder angefangen, und ich habe [sic] Margrit P. wieder begegnet, nach 8 Wochen zum erstenmal. (Sie hatte schon vor den Ferien einige Wochen ausgesetzt und war jedenfalls irgendwohin zur Erholung gegangen. Ich hatte sie ungefähr Ende Juni zum letztenmal gesehen.) Aber unser Gruss war nicht anders als sonst. Es ist eben immer ein Gruss wie zwischen zwei Leuten, die einander zwar durch eine Gelegenheit kennen gelernt haben, aber sich weiter nichts zu bedeuten haben. Was aber sie wenigstens für mich bedeutet, kann ich nur spüren, nicht sagen. Ihr Anblick ist für mich, wie eine notwendige Nahrung für den Körper ist; ohne sie vergeht er. Könnte ich doch noch einmal vor der Prüfung (Maturität) eine Gelegenheit finden zu einer ganz kleinen Unterhaltung mit ihr.

(Zufällig in einem Verzeichnis der hiesigen Offiziere blätternd, sah ich, dass ihr Vater Ingenieur und Genie-Oberst ist.)

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Quelle: Staatsarchiv St.Gallen, W 073/2.1 (Tagebuch von Ernst Kind, Jg. 1897)

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