Morgenturnen in der Kuranstalt Sennrueti

Sonntag, 26. August 1917 – Vollständig nackt

Der Architekt Johann Baptist Thürlemann ging im Sommer öfters in der Thur baden. Die Badeplätze waren (ohne spezielle Signalisierung) streng nach Geschlechtern getrennt.

In seinem Tagebuch notierte Thürlemann jeden einzelnen dieser Badeausflüge, den ersten unternahm er am Dienstag, 19. Juni 1917. Auch am schwül-gewitterhaften Sonntagnachmittag des 26. August hatte er vor, sich an und in der Thur abzukühlen. Aber die Freude wurde dem strengen Katholiken gründlich vergällt:

Von 110 Uhr nachmittags bis 320 Uhr war ich an der Thur, um zu baden. An der Stelle, wo ich gewöhnlich bade[,] war ein junger Mann, vollständig nackt auf dem Uferkies ausgestreckt, um vermutlich ein „Sonnenbad“ zu nehmen. Sein Körper war ganz braun, jedoch gut genährt & kräftig. – Ich wollte den Burschen nicht stören & zog Thurabwärts bis nach der Niederbürer Grenze, wo ich mit Mühe & Durchwaten eines Wasserstranges zu einer Badestelle gelangte. – Die Thur war gross, trübe & grüngelb von Farbe & das Wasser kalt. Ich badete ca. 1/4 Stunde & fühlte mich unbehaglich. Ich kehrte miss[ge]stimmt & unbefriedigt nach Hause zurück.

Mit dem jungen „Nacktbader“ war die Lebensreformbewegung auch nach Oberbüren gekommen. Thürlemann war offenbar über diese Bestrebungen informiert, was aber nicht hiess, dass er sie billigte. Das Beitragsbild zeigt Frauen in der Kuranstalt Sennrüti bei Degersheim, die jeweils am Morgen im „Damenluftbad“, zwar nicht nackt, aber für die Zeit des Ersten Weltkriegs doch sehr freizügig, Turnübungen im Sinn dieser Reformbewegung verrichteten.

Das war für eine Weile das letzte Mal gewesen, dass Thürlemann gebadet hatte. Erst am Mittwoch, 5. September notierte er wieder in sein Tagebuch:

Von 2 Uhr nachmittags bis 3/4 4 h war ich an der Thur & badete dort zum 16ten Male. Ich fand die Thur immer noch gross & das Wasser trübe & kalt. Ich badete von 1/2 3 – 3 Uhr & watete hinüber, an’s Billwiler Ufer. Hernach kehrte ich Thur-aufwärts über Steinufer & Wuhre zur „Dole“ [von Thürlemann für den Gemüseanbau gepachteter Pflanzplatz], dann zum „Reckholder“ & „Bild“ nach Hause zurück.

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Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, Wy 035a (Tagebuch Thürlemann) und ZMA 18/09.05-21(Kurhaus Sennrüti, Damenluftbad, zwischen 1910 und 1920)

 

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