Knaben im Tannenwald

Ostermontag, 24. April 1916 – Eiersuchen im Tannenwald

Ostermentig im Tannewald.

E st.gallertütsches Gschichtli.

Es ist en prächtige Ostermentig gsi, en sonnige, warme Früheligstag, wie ma ‘ne sich nöd schöner wünsche chönnt. So klar und blau hät de Himmel uf d’Erde abeglueget und die goldige Strahle vo der Ostersonne hand Berg und Tal festlech belüchtet. Wer hett’ do möge i dr Stobe bliba? Nei, Gross und Chli send scharewis uszuoge, om sich z’freue dosse i der schöne, grüene Natur, die noch ‘m lange Wenterschlof wieder zo neuem Lebe erwachet isch. Onder dene viele Spaziergänger, die strossuf wandered, der Höchi zue, ischt au d’Tante Lina g’si mit dem Maxli a der Hand; de hät gstrahlet vor Vergnüege, wil d’Tante grad vorig zo em gseit hät: „Mer gond jetz mitenand i de säb gross Wald, dört will i der denn a paar Ostereier vrstecke [sic], die tarscht du sueche.” Da isch natürlich a herrliche Usicht gsi för das Börschtli und er isch drom so wacker davo gmarschiert, om doch recht bald zo dem erwartete Glöck z’cho.

Witer obe am Weg stond zwor die Beide a Wili still, als wörid sie öppert erwarte; und richtig – a Hustör got uf und zwei muntri Buebe springid döther; henedri chont a jungi Frau, d’Muettr vo dene Beide, uf d’Tante Lina zue und begrüesst sie freudig, denn das ischt ehrni gueti Fröndin gsi. „Lueg Max,” seit d’Tante, „de do heist Hans und de säb Heinrich; das send zwei netti Kamerade för di; aber gelt, die send halt grösser als du und gond scho i die recht Schuel.” Das hät üserm Büebli mordsmässig imponiert; mit grossen Auge stunet er die Schuelerbuebe a; die aber nemid ‘n uf jeder Site bi der Hand und send gär so frei und fröndlech mit ehm, dass er bald i ehrner Mitti loschtig davogompet und sini Tante im Stich lot. Dere fehlts aber au nöd a Onderhaltig.

So sind Gross und Chli fröhlech witerzoge. I gueter Gsellschaft chonnt ma gli wit; bereits send die Lütli am Ziel vo de hütige Reis und üseri Buebe begrüessid mit Jubel de Tannewald, wo jetzt de Hauptspass, ‘s Eiersueche, sött agoh. Aber halt! D’Ostereier send vorläufig no wohl versorget i Tantes grosser Täsche; drom wörd der Juged befole: „Stillg’stande! Und kan tarf sich vom Fleck rüehre, bis ma Eu rüeft.”

Druf send die beide Fraue no tüfer in Wald ine und hand ifrig gsuecht, wo’s irged a versteckts Plätzli gha hät im Gstrüpp oder e Vertüfig am Bode zwöschet de Bommworzle. Do isch schnell e Osterei inegleit worde, denn no a Blättli oder Zwigli drof, dass die schöne, bunte Farbe nöd scho vo witem ‘s Versteck verrothid. Denn d’Buebe muend scho e chli lang zsueche ha. ‘m Jüngste muess ma d’Sach frili scho liechter irichte. Onder de säbe grosse Tanne hät d’Tante Lina e Plätzli entdeckt, wo de Bode a bitzli usghöhlt isch und i die Tole baut sie e Neschtli us Tannezwigli, fuetterets mit Moos us und leit blaui, roti ond gäli Eier dri; i d’Mitti aber hät sie a zierlechs Osterhäsli gschtellt; das gsieht so allerliebtscht us, das sie si selber dröber freut.

Jetz rüeft’s lut dor de schtill Wald: „Choo!” Und das Buebevolch störzt döther wie de Blitz; bald verrot’t ‘n Freudeschrei vom Maxli, dass ‘r ‘s Neschtli gfonde hei; ganz entzückt chnület er davor; am beste gfallt ‘m ‘s Osterhäsli; er muess ‘s i d’Hand neh und gnauer bitrachte; Vor luter Liebi hät er’s verschtohle a betzeli abgschlecket, wil ‘s o gär so appetitlich schmeckt. Die andere Buebe rennid he und her mit rote Backe, springi om all Bömm omma, luegid ‘s eintmol uf de Bode, ‘s andermol ufwärts i ‘d Höchi, fendid aber nünt. D’ Tante muess jedesmol verschtole lache, wenn sie so nöch am richtige Oertli vorbi schüssid. „Warm![“] rüeft sie; und wenn d’Buebe wieder witer davo wegglaufe send, rüeft sie „kalt!” De Heiri meint: „Aber Tante Lina, du häsch es richtig agschtellt mit ‘m Verstecke; helf mer doch au a chli sueche!” Die aber sait ganz rüebig: „Suech no witer; wer suecht, der fendet.”

Neun Enkelkinder Wenner an Ostern 1912Nicht nur im Tannenwald, sondern auch in gutbürgerlichen Gärten suchten Kinder Ostereier, so wie hier die Enkelkinder von Julius und Julie Wenner-Mauke an Ostern 1912

Endlech rüeft de Aeltist: „Ha! Juhu! i han aas!” Und de Hans dröber abe: „I au!” Noch eme Wili chont de Heinrich ganz stolz und zeigt i sim Chäppli vier wundrschöni Eier, währed sin Brüeder no ifrig am Sueche isch; drei hät er efange vrwötscht; aber wo ischt denn s’viert? D’Muetter und d’Tante muend jetz helfe sueche; die werdid scho no wösse, so ‘s verborge isch. So macht sich den alles uf d’Suechi. Aber ach, das Ei ischt und blibt verschwunde. D’Muetter tröschtet ‘n, das sei noch lang ka Uglöck; sie well den scho daför sorge, dass de Hans nöd zchorz chäm.

Vo dem lange Ommestoffle im Wald send alli die Lütli doch e chli müed worde, au im Buuch hät ‘s agfange chnorre; denn d’Vesperzit ischt bereits do gsi. Ganz i der Nächi ischt e Bänkli för üseri Gsellschaft, ma muess zwor eng zsemmerocke, damet alli Platz hand. Jedes nehnt eins vo sine Eier und tötschlet mit sim Nochber loschtig drof los. Was isch das för e Freud, wenn ma cha ‘m andere Ei Spitz oder Gupf ischlage, bis alles kaput ischt und das appetitlech wiss Ei us dr Schale usegügslet.

Die fröndlech Tante Lina nemmt ehrni Täsche wieder zor Hand und zücht e paar prächtige Ostermorre [speziell zu Ostern hergestelltes Hefeteiggebäck, auch Ostermurre] före ond verteilt’s. O! wie schmeckt das Obedbrot so herrlech im grü[e]ne Wald! Wie jetz alli gnueg gesse hand, sait an vo de Buebe: „So, jetz tuent mer üs verstecke, und d’Muetter und d’Tante muend üs cho go sueche.” Im Hui send die Buebe uf und davo gsi; aber wie sie si au zsemme duckid, amene so a chline Plätzli chönid sie unmöglech verschlüfe, wie en Ei; drom chommid sie alli wieder glöcklech zom Vorschi und kan got im Wald vrlore. Nochher word Fangis gmacht; s’Vergnüege von dene Lütli stigt alliwil höcher, währeddem d’Sonne scho am Abegoh ischt und die letschte Strahle de Wald vergoldid. „s’isch Zit zom Hamgoh,” seit d’Muetter, „dass mer vor’m Dunkelwerde i d’Stadt chömid.”

So nehmid denn alli Abschid vom Wald; üsern Hans lueged no amal wehmütig zrock; wie reut eh[n] doch das Eili, wo dihene blibt im sichere Versteck. Bald send die Buebe om de Strosserank verschwunda, doch ehre fröhlechs Lache hört ma no vo Witem. Ueseri zwei Fröndinne wanderid Arm i Arm gmüetlech vorwärts; sie freuid sich öber dä glunge Nomittag und Eini seit zor Andere: „Das chönnt ma wieder so mache, wie herrlech wär’s im Sommer en ganze Tag zuezbringe im chüele, schattige Tannewald.” Denn chömid sie uf ehrni Jugedzit zrede, die sie mitenand verlebt hand i der schöne, alt-ehrwürdige Stadt Basel, und manchi fröhlechi Erinnerig wörd wieder wach. Aber halt, was ist das? A jämmerlichs Gschrei! Sie luegid erschrocke enander a, was häts geeh? D’Muetter denkt im Schtille: Jetzt isch gwöss an vo mine Buebe öber de Hag g’chletteret und hät d’Sonntigshose verschrenzt, der Tante Lina aber isch es himmelangst gsi wegem Maxli, der vielicht bös gfalle sei und e Büla übercho hei.

Wie jetz die Beide nöcher chomid, seched sie, dass es nöd so gföhrlech isch. Heil und unversehrt isch das Buebetrüppli uf de Stross gstande; doch de Hans hät erbärmli gschluchzet, währed sini Hand krampfhaft ‘s Osterei ghebet hät. „Was blägescht den au e so?” hät d’Tante gfrogt und mit brieggeliger Schtimm verzellt er si Ugfell: „Denk no – i han – vorig in Sack glanget – und do – isch gad no – das einzig Ei drenn gsi – ‘s ander isch mer gwöss usetrolet, wo mer so starch de Berg abgehaglet send.” „Aber nei, Hans, du bist jo hüt ‘s reinst Pechvögeli; erst fendst vo vier Eier numme drei, ‘n derno verlierscht no ains drvo, du bischt mer en haitre Borscht.” De Hansli hät no a paar Träne abegschlockt, denn zücht e Lächle öber si verbriegget Gsicht und uf eimol rüeft er triumphierend: „Jetz weiss i was! I will das Ei grad au no ufässe, den chann i’s nümme meh verlüre.” Und’s hät ehm guet gschmeckt, den isch übers Börtschtli seelevergnüegt hamtrottet; zwor mit leerem Säckli und leere Händ, aber voll Freud öber dä herrlech Ostermentig.

Wie Vieli gohts im Lebe ganz ähnlech wie dem Hans; sie send uszoge, om ehre Glöck z’sueche, hand aber nöd alles gfonde, was sie ghofft und erwartet hand; nöd selte chömmid denn no allerlei Missgschick dezue, so das ma zum Teil wieder verlürt, was ma gwonne hät. Das tuet wohl recht weh. Aber söll ma drom verbitteret werde und, mit Gott ond alle Mensche verzörnt, sini Weg goh und die benide, wo ‘s witer brocht hand? Ach nei; uf die Art macht ma si’s Lebe gad no schwerer; wend mer nöd lieber dankbar gnüsse, was üs Guets no blebe ischt? Mer dörfid dem himmlische Vater getrost vertraue, dass er üs zor rechte Stond alliwil wieder schenke cha, was üs nötig ischt au i der böse, schwere Zit, die jetz öber so Vieli chonnt. Wenn ma glernt hät mit Wenigem sich begnüege und si zfreue öber a jede sonnige Tag, der üs gschenkt isch, denn darf ma au erfahre, dass’s Lebe no viel Guets för üs i Bereitschaft hät; au wenn ma a irdischem Hab und Gut nöd schwer zträge hät.

Alli die aber, dene s’Glöck vomene selber in Schoss gfalle ischt, so dass sie mit Richtümere schwer belade dor’s Lebe gönd, die hand jetz e ganz bsonders gueti Glegeheit, en Teil vo ehrner Last loszwerde. Wie riesegross sind überall Not und Elend! Wie Vieli züchid mit leerem Sack und leere Hände ehren Weg, wil de Verdienst ehne manglet und sie muend voll Angst und Sorge der Zuekunft entgegegoh. Isch es nöd schö, wenn me do eim a chli onder d’Arme grifa, dem Andere verschtohligs öppis i d’Hand drocke cha, dass er wieder getroster sin Weg wanderet? So im Schtille manchem wohltue, macht nöd no Geldtäsche a chli minder schwer; nei, es macht au’s Herz froh und liecht und bringt för d’Zuekunft meh Gwönnst und Sege als die küenste Spekulatione; es heisst nöd vergäbis: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.”

L.M.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, P 945, St.Galler Blätter für Unterhaltung und Belehrung aus Kunst, Wissenschaft und Leben (Text), W 238/07.01-20 (Beitragsbild) und W 054/82.30 (Bild: Enkelkinder Wenner)

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