Dienstag, 4. Juli 1916 – Der Arbeitersekretär in den Ferien (Teil 1): „Es regnet wieder in Strömen!“

Tagebucheintrag von Josef Scherrer-Brisig (1891-1965), Sekretär des Schweizerischen Christlichen Textilarbeiterverbands (1910-1916), später Kantonsrat und Nationalrat, Mitbegründer der Christlichsozialen Bewegung.

Josef Scherrer befand sich im Berner Oberland. Im Anschluss an eine Konferenz mit dem Bundesrat in Bern betreffend die Einrichtung eines Notstandsfonds übernachtete er im Hotel Weisses Kreuz in Interlaken. Von dort aus startete er zu einer Art Ferienreise nach Hause in die Ostschweiz. Die Tagebucheinträge der Ferientage sind deutlich länger als die sonstigen Kurzzusammenfassungen von Ereignissen im Leben von Josef Scherrer. Offenbar hat er mehr Zeit zum Schreiben:

Ich habe nicht besonders gut geschlafen, war vor 4 Uhr schon wieder wach. Aber es scheint ein schöner Tag zu werden. Wenigstens ist ein prachtvoller Morgen heraufgezogen. Es wäre das nun eigentlich der erste Tag meiner Ferien. Meinen Gruss sende ich im Geiste meiner herzensguten Gattin und meinen lieben Kinderchen! Möge Gott sie heute und allezeit behüten. In Wittenbach, dem trauten Orte, wo ich aufgewachsen bin, findet heute das Kirchenfest, Fest des heiligen Ulrich statt. Es werden jetzt, da ich dies schreibe, morgens 6 Uhr die Mörser donnern und den Friedenstag verkünden. Unter dem Schutze des heiligen Ulrich bin ich 20 Jahre gestanden und vielleicht verdanke ich ihm, was ich jetzt bin.

Ich hoffe nur, das schöne Wetter möchte jetzt recht lange anhalten. Denn ich sollte meine Gesundheit wieder etwas reparieren. Die Arbeit als Sekretär der Arbeiterorganisationen, Redaktor und schliesslich auch als Tablater Amtsvormund sind auf die Dauer etwas aufreibend und tut eine Abwechslung gut. Sie ist nun trotz des Krieges einfach notwendig geworden, sonst hätte ich natürlich heute nicht Ferien gemacht.

Von Interlaken geht es nun auf den Brienzersee in 1½ stündiger Fahrt nach Brienz. Am Eingang des Brienzersees ist nun eine staatliche Brücke montiert, die der neuen Brienzerseebahn zudient. Die Anlage scheint fast fertig erstellt zu sein. Es geht an den Giessbachfällen vorbei nach Brienz, das so ideal schön am Fusse des Brienzer Rothorns [liegt]. Von Brienz geht es mit der Bahn nach Meiringen. Auch dieser hübsche Ort des Oberlandes scheint ganz auf die Fremdenindustrie eingestellt zu sein. Nur ist auch hier, wie in Interlaken Saison [unlesbares Wort]. Einzig hin und wieder begegnet man einem französischen Internierten. Ich sehe in Brienz und Meiringen Offiziere, unter ihnen muss ein höherer Offizier gewesen sein, er trug am Käppi 4 weisse Streifen. Da ich nicht Militär bin, konnte ich den Grad nicht entziffern. Ein Offizier, der früher wohl ein schneidiger Mann war, hinkte traurig davon! Das ist das Schicksal von Menschen, wie es jetzt in Millionen vorkommt. Ach wie traurig! Und doch ist noch kein Ende dieses schauderhaften Krieges abzusehen.

In Meiringen muss man die weltberühmte Aareschlucht ansehen. Ich wurde zwar erst im Zuge darauf aufmerksam. Doch erinnere ich mich, dass wir in einem schweizerischen Reisespiel zuweilen nach der Brienzerseefahrt nach Meiringen kommen. Dort erfolgte der obligate Besuch der Aareschlucht. Man hat eine Extrabahn nach der Aareschlucht gebaut, die aber jetzt stillgelegt ist. Vor dem Eingang in die Aareschlucht muss ich mich wieder ärgern. Es wird wieder ein Franken Eintritt verlangt. Diese Naturschönheiten sind doch für alle da, wie kann man dann überall Eintritt verlangen. Gewiss wären da verschiedenste Bauten notwendig. Aber das sollte durch die Hotels etc. aufgebracht werden, die ja doch in normalen Zeiten davon den Gewinn hätten. Tausende und Tausende fallen so in diese Kasse. Der arme Teufel, wenn er überhaupt einmal dazukommt, muss damit überall noch Eintritt bezahlen, wenn er etwas sieht. Da schliesst man Naturwunder einfach ab und verlangt Eintritt. Nun die Aareschlucht selbst, die vielleicht 20 Minuten lang ist, ist in der Tat eine Sehenswürdigkeit. Unter Tosen und Krachen stürmt die wilde Aare durch die Felsenkluft, die sich zeitweise fast ganz schliesst. Die eingebauten Stiegen verschandeln zwar die Schlucht. Ich ging dann bald am Schlusse der Schlucht durch eine Felsenschlucht hinauf und ging dann über den Berg nach Meiringen zurück. Da wäre nun in der Regel ein Weg, auf dem man nicht bezahlen müsste! Wahrscheinlich sind aber in der Hochsaison noch spezielle Kontrolleure da!

Um 2.05 verliess ich das hübsche gefällige Meiringen mit der Brünigbahn. Die Bahn, die eigentlich eine Bergbahn ist, erhebt sich mit ziemlicher Steigerung 400 Meter über Meiringen bis zur Station Brünig. Man geniesst da eine wunderbare Aussicht auf das Aaretal, den Brienzersee und die Berner Alpen. Auf dem Wege studiere ich, wo ich nun aussteigen soll. In Lungern oder Sachseln? Wir fahren nun durch das Obwaldner Ländlein nach Sachseln. Ich habe mich nun entschlossen[,] nach dem Flüeli zu gehen. Das Ländlein ist wirklich schön und der Ort, wo einst Niklaus von der Flüh sein heiligmässiges Leben geführt hat, ist mir doch noch besonders heilig. Nächstes Jahr wird ja in der ganzen Schweiz das 500jährige Jubiläum gefeiert werden. Es wurde mir nun im Gasthaus zum Flüeli auch eröffnet, dass Freund Josef Bruggmann, der morgen eintreffen wird, und ich im Bruder Klausen Haus unsere Zimmer erhalten werden. Von Sachseln zum Flüeli hat man eine Stunde zu rechnen. Bei drückender Hitze steige ich den Weg mit meinem Köfferchen hinan. Es ist so schwül, dass ich froh bin, endlich das Ziel erreicht zu haben. Ich glaube, das Gasthaus zum Flüeli scheint recht zu sein. Die Leute sind freundlich und froh, wenn bei dieser Zeit Gäste kommen. – Zum Überfluss werde ich noch zu einem Jass eingeladen und schliesse damit das wenig grosszügige Tagewerk des 4. Juli.

Noch sende ich im Geiste meinen Lieben die herzlichsten Küsse und segne sie, die durch das Band der Liebe und des Blutes mit mir verbunden sind. Beschütze sie Gott der Allmächtige. – Es regnet wieder in Strömen! –

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108/1 (Tagebuch) und W 108/3.1 (Porträt, vermutlich von Louis Baumgartner, ca. 1919)

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