Freitag, 28. Juli 1916 – Sorgen einer Hôtelière, nicht nur mit dem Enkel: „[…] wirft ihm Sand an […] u spuckt im Vorbeigehen hie u da eine Dame an.“

Amalie Giger-Nigg führte zusammen mit ihrem Ehemann, Josef Giger (1847-1921), das 1908 eröffnete „Giger’s Hotel Waldhaus“ in Sils Maria. Einige ihrer Enkel weilten während des Sommers bei ihnen. Sie schrieb ihrer Tochter Fanny Lutz-Giger (geboren 1876):

Sils-Maria, den 28[.] Juli 1916

Meine liebe Fanny!

Es freut mich, dass Ihr Alle wohl u munter seid, u dass Euch das kleine Geschenk, Freude gemacht hat. Der Zwieback gibt dem lieben Elisabethli einige Zeit etwas zum nagen. Wie steht es mit den Zähnchen[,] hat sie wieder welche bekommen?

Da Du keine Wolle zu Strümpfchen sandtest, hat Fanny die Frivolitätsspitzchen für Kinderkragen u Wäsche gemacht. Sie hat nur zu feinen [?] Faden genommen. Diese sind sehr modern u rings um ein[en] Piquetkragen schön. Meine Pflegerinnen kommen nicht mehr viel zum nähen etz. Beide müssen servieren, rösten den Café, haben 80 Kg. Butter eingekocht, 2000 Eier in Garantol gelegt, richten Blumen für die Arrivée u so ein u anderes. Wir suchen so wenig wie möglich Angestellte zu halten; denn bei den theuren Lebensmittelpreisen u der niedern Logie-Taxation würde mit zu vielen, nicht bezahlenden Mitessern nicht mehr viel herausschauen. Gott sei Dank haben 72 u Morgen 80 Personen im Haus u für nächste Woche noch Bestellungen. Ich bin in Wolflisbergs Wohnung gezogen, da die meinige durch Wasser, von der Terasse unbewohnbar geworden u [Zimmer] 75 mit 5 Personen besetzt wird.

Frl. v. Buschlund u Kinder sind alle der Reihe nach in 3 Zimmer des Mezzanin plazirt u benutzen mein Bad; Hans u Gebhardli [geboren 1912] haben schon das 10te Salzbad genommen. Bubi schläft dies Jahr bei offenem Fenster bei Fräulein von Buschlund u zwar nur aus dem Grunde, weil Frl. Emmy servieren muss u gerade um die Zeit, wenn er schlafen soll. Mit Grosspapa u Fanny geht er jeden Tag spazieren; man darf ihn aber keinen Augenblick mit Ersterm allein lassen, sonst macht er es mit ihm, wie mit Lisabethli, wirft ihm Sand an etz. Am liebsten läuft er selbständig im Haus herum; geht ins Vestibul u in’s Bureau u spuckt im Vorbeigehen hie u da eine Dame an. Euch hat er trotz aller Zerstreuung nicht vergessen; möchte Euch Blumen schicken u alle Gemüse u Früchten, die auf unsern Tisch kommen sind von der Mama.

Warum hast Du ihm dieses Jahr keine Socken mitgegeben? Helene u. Frl. Wohler sind Vorgestern eingetroffen u haben viel von der Maly, die sie besuchten, gesprochen. Sie soll ganz vernünftig gesprochen haben u betonte, sie bleibe nicht mehr dort; Sie gehe zu Gebhard u zu der Fanny, diese müsse sie abholen; nach Sils gehe sie erst, wenn es keine Gäste mehr dort habe. Sie habe immer geglaubt, Hansi lebe nicht mehr, jetzt wisse sie, dass dies nur im Wahn war. Allem nach zu schliessen ist sie wirklich ein grosser Ruck vorwärdts [sic] gekommen u will ich Dr. Brunner diesbezüglich schreiben. Ich denke, wenn sie kommen dürfte, müsste ich Anna schreiben, dass sie, anstatt eine Fremde zu Maly käme. Hast Du wirklich bald Bohnen, es heisst sonst, die seien durch den vielen Regen verdorben; gibt es bald Aepfel? Mit 1000 herzlichen Grüssen Deine

Dich liebende Mutter.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 289/20-2 (Text) und W 289/23-01.23 (Aufnahme der 1914 geborenen Elisabeth Lutz; Foto ca. 1915, F. Bastadin, Rheineck)

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