Montag, 9. Oktober 1916 – Die Sekundarlehramtskandidaten auf Burgenexkursion

Die Ruine Ramschwag wurde in früher „Ramswag“ geschrieben, ebenso „Häggenswil“ statt Häggenschwil. Gemessen daran, dass es sich beim Berichterstatter um einen zukünftigen Lehrer handelte, scheinen seine Orthografie- und Interpunktionskenntnisse (Rechtschreibung) teilweise recht abenteuerlich.

Zu Ernst Hausknecht-Derendinger vergleiche die Beiträge zum 23. Februar, zum 20. März und zum 22. Juli. Der im Text erwähnte zweite Lehrer, Alfons Ebneter, war am 1. Januar 1888 geboren. 

Bericht über die Exkursion nach der Ramswag, am 9. Oktober 1916.

I. Um ½ 2 Uhr marschierten wir in fröhlicher Stimmung beim Rotmontenschulhause los. Rasch bildeten wir Gruppen, um fröhlich plaudernd, Neuigkeiten zu hören, oder zu erzählen. Etwa vierhundert Meter ob der Sammlungs-Stelle zweigten wir zur [sic] unserer grossen Freude auf einem Fussweg nach Norden ab. Bald kamen wir an ein Bauerngehöft, an dem ein riesiger Bernhardienerhund [sic] lag. Als er in seinem Sinne meinte, wir Ü-ler wären Strolche, da wir seinem Herrn die Wiesen, so rücksichtslos zertraten, wollte er sich wahrscheinlich rächen; denn er eilte uns mit wütendem Gebelle nach u. drohte uns zu zerfleischen. Schon wollte er sich auf Hörler werfen, der das Hasenpanier ergriffen hatte. Doch in dem Augenblicke höchster Gefahr wurde unser Verfolger von seinem Herrn zurückgerufen, worauf wir, die Gelegenheit benützend, die Arme zwischen die Beine nahmen! So waren wier [sic] nicht mehr lange die Hintersten. Bald hatten wir die Vordern eingeholt. Dort hatten sie bereits ein[e] Apfel-Wurfschlacht begonnen, da die Äpfel hier massenhaft herumlagen. Auch wir wollten nun in den Kampf eingreifen. Doch wir sollten nicht dazukommen: Denn von einigen 2. Ülern gewarnt, liessen es schliesslich Alle bleiben. Nun überschritten wir auf einer Brücke die Sitter. Am andern Ende derselben blieben wir vor einem Thurgauerhause stehen; denn es zeichnete sich durch seinen rein thurgauischen Baustiel [sic] besonders aus. Wie die meisten Thurgauerhäuser ein Fachwerkbau, macht es mit seinem braunen Holz und den Blumen vor den Fenstern einen gar heimeligen Eindruck. Weiter gings, aber nun aufwärts! Gar bald kamen wir wieder an ein Gehöft. Hier sahen wir etwas ganz Interressantes [sic]: Da lag auf dem Boden ein Haufen Steine. Auf diesen waren die Gletscherschliffe deutlich erkennbar! Hier in der Nähe waren nämlich, wie uns Herrn [sic] Hausknecht erklärte, in der Eiszeit der Rhein- u. Säntisgletscher zusammengestossen. Diese hatten die Steine hergeschafft. Als dann die Gletscher immer weiter u. weiter verdrängt worden waren, liessen sie die Steine hier liegen.

Den Weg vortsetzend [sic] trennten wir uns in zwei Abteilungen: Die eine unter Herrn Hausknechts Führung verfolgte den Weg weiter, während die andere, unter Herrn Ebneters Führung, einen Feldweg einschlug. Nach kurzer Zeit hatten wir uns aus den Augen verloren. Ich gesellte mich zu Herrn Ebneters Abteilung, was ich gar nicht bereute, trotzdem wir Bäche und dichtes Gestrüpp nicht mieden. Nachdem wir ein Weilchen Pilzkunde getrieben hatten, gings durch „dick u. dünn“ der Waldb[urg]. zu. Bald hatten wir diese erreicht, mussten aber konstatieren, dass die andere Abteilung uns zuvorgekommen war. Das brachte uns eine gar bittere Enttäuschung; denn wir hatten geglaubt, unsere Mühe werde belohnt; denn als die Ersten auf dem Platze hätten wir triumpfieren [sic] können.

II. Geschichte der Waldburg!

[…]

III. Auf der Ramswag!

Ohne Aufenthalt [auf der Waldburg] zogen wir weiter, galt es doch, noch rechtzeitig auf der Ramswag anzukommen, denn dort sollten wir ja die grosse Rast abhalten. Wieder hielten wir uns wenig an die Wege! Meist ging’s über Wiesen u. durch Wälder, was uns natürlich gut gefiel. Ganz im Westen ragt ein weisses Türmchen aus den Obstbäumen hervor. Es ist dasjenige vom Kapellchen St.Pelagiberg! Als wir auf eine kleine Erhöhung kamen, lag vor uns ein ziemlich grosser Kartoffelacker mitten im Wiesland! Da ist sicherlich der Krieg schuld, dass hier überhaupt umgegraben wurde. Der Besitzer dieses Grundstückes hat wahrlich gut vorgesorgt! Im rechten Winkel in ein Wäldchen einbiegend, sahen wir plötzlich die, wie es uns schien, aus dem Boden herausgewachsene Ramswag vor uns. Also waren wir am Ziele angelangt! Aber noch drei Graben mussten wir überwinden, bis wir auf den Burgplatz kamen. Sofort besetzten die Vordersten die Bänke und die Hintern hatten das Nachsehen! Von der Ruine selbst sieht man nicht mehr alle Wände. Ein trotziger, breiter Turm und eine Seite des einstigen Hauses sind noch ziemlich die einzigen Reste der einst so mächtigen Burg. Der Burgplatz ist zu einer gemüthlichen [sic] Rast trefflich eingerichtet; denn die hohen Mauern und die vielen jungen Buchen spenden angenehmen Schatten. Der Burgplatz war trefflich gewählt worden: im Norden und Osten fällt der Abhang fast senkrecht in die Sitter hinunter; da war also ein Angriff unmöglich. Im Süden und Westen sind die einzigen Stellen, wo ein Überfall möglich wäre. Aber auch dort hätten die Angreifer grosse Schwierigkeiten zu bekämpfen gehabt; denn drei breite, tiefe Graben, die früher wahrscheinlich mit Wasser gefüllt waren, versperren den Weg. Daher konnte dieses Bollwerk mit wenig Mannschaft erfolgreich verteidigt werden. – Wer etwas zum Vespern mitgebracht hatte, fand jetzt die beste Gelegenheit, dies zu verschmausen. Die übrigen vertrieben sich die Zeit mit plaudern. Plötzlich gellte ein Pfiff durch unsern Kampplatz [sic]! Wir begaben uns zu Herrn Hausknecht, worauf dieser erklärte, wir könnten uns nicht mehr lange hier aufhalten, es bliebe uns nur noch Zeit, die Geschichte dieses Platzes zu verfolgen. Dann würden wir den Heimweg antreten, diesmal in frischem Marsche über Wittenbach, wobei wir spätestens um acht Uhr anzukommen hoffen. Nun sassen wir um Herrn Hausknecht, [sic] Die Erzählung konnte beginnen!

IV. Die Geschichte der Ramswag!

[…]

V. Der Heimmarsch! Hurrah! Most!!

Nachdem Herr Hausknecht seine Erzählung zu Ende geführt hatte, machten wir uns nach Hause auf. Noch einen Abschiedsblick an die stummen Zeugen des eben gehörten [sic] und fort ging’s wieder zurück gegen’s Steinachstädtchen. Ein Weilchen verfolgten wir den gleichen Weg, um eine Strecke weiter untern die Richtung zu ändern. Nun machten [wir] „Fangis“, wobei, Hedi [die Mitschülerin Hedwig Schenker, geboren am 25. Mai 1897] besonders auf’s Korn genommen und gar arg belästigt wurde. Zu unserem Leidwesen verliessen wir die Wiesen gar zu bald, um die Strasse zu betreten. Bisher wurden Stern und ich immer von dem so böswillig gelaunten Birnbaum belästigt, indem er uns immer mit gefallenen Äpfeln bombardierte. Dem sollte nun vorgebeugt werden. Ich hob von Birnbaum unbemerkt, einen mir eben an den Kürbis geworfenen Apfel auf u. passierte denselben Stern. Plötzlich wandte sich dieser gegen seinen Peiniger, worauf er floh. Nachdem er bei einem Baume angelangt war, wollte er gewissheit [sic] erlangen, ob er überhaupt verfolgt würde, und er schaute zurück. Diesen Augenblick hatte Stern allem Anschein nach abgewartet; denn kaum hatte Birnbaum seinen werthen Kürbis blossgelegt, kam der mit einem lauten: „Schuss“ begleitete Ball herangeflogen, und eh sich’s der gefährdete [sic] versah, zerplatzte der, übrigens schon mürbe, Apfel mitten in seinem höhnisch verzogenen Gesichte. Grosses Gelächter folgte Sterns Meisterschuss. Der gefoppte Birnbaum aber gab sich alle Mühe, die sich herausdrängenden Krokodielstränen [sic] zurückzudämmen, zum foppen [sic] hätte er aber keine Lust mehr. Nachdem wir uns in eine 4-er Kolonne formiert hatten, sahen wir Herrn Ebneter aus einem Hause herauskommen. Natürlich richteten sich aller Augen nach dem verdächtigen Hause. Da erklärte uns Herr Hausknecht, das wir den schon versprochenen Most erhalten würden, worauf wir uns nicht wenig freuten. Im Gänsemarsch traten wir in die Gaststube ein, wo eben die Gläser aufgestellt wurden. Es dünkte uns eine Ewigkeit, bis endlich der Most hereingetragen wurde. Dafür wurde um so mehr zugegriffen. Bald waren die durstigen Ü-ler Kehlen erqui[c]kt, und wir konnten an den Weitermarsch denken! In 4-er Kolonne marschierten wir fröhlich singend Wittenbach zu.

VI. Abendfrieden.

Der Abend war unterdessen herangebrochen, und in der Natur wurde es immer stiller. So in der Dämmerung beachtete das menschliche Ohr verschiedenes, was es am Tage gar nicht würdigt. Bei jedem Geräusch denkt man sofort nach, worin die Ursache liege. So erging es auch uns. Wie wir so dahinschritten, vernahmen wir ein gleichmässiges Hämmern, dem wir immer näher kamen. Plötzlich standen wir vor einer Schmi[e]de. Ein lustiges Feuer loderte auf offenem Herde, und der Schmi[e]d stand, von dem Feuerschein magisch beleuchtet, daneben und hämmerte auf ein Stück Eisen, dass die Funken stoben. Noch heute steht mir dieser Mann als Zeichen lebendiger Kraft deutlich vor Augen. Weiter marschierten wir durch die Dämmerung St.Gallen zu!

Der Berichterstatter:

K. Ferber, IIü.

Schmiede

Innenansicht einer Werkzeugschmiede während des Baus der Bodensee-Toggenburg-Bahn, zwischen 1907 und 1912.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, B 012/5.2 (Auszug aus einem Bericht über eine Exkursion der Sekundarlehramtskandidaten) sowie W 276/02.02-05 (Gasthof zur Krone in Häggenschwil mit einem Detailbild der Ruine Ramnschwag (Ansichtskarte um 1912, Bild: G. Metz, Basel) und BTN 1/1.1-568 (Foto der Schmiede)

 

 

 

hinterlasse einen Kommentar