Dienstag, 12. Dezember 1916 – Deutschland möchte Friedensverhandlungen

Tagebucheintrag von Josef Scherrer-Brisig (1891-1965), Sekretär des Schweizerischen Christlichen Textilarbeiterverbands (1910-1916), später Kantonsrat und Nationalrat sowie Mitbegründer der Christlichsozialen Bewegung.

Während der Versammlung der konservativen Grossratsfraktion von Solothurn, zu der Josef Scherrer eingeladen worden war, ging folgende Nachricht ein:

[…]

Berlin, 12. Dezember. (Wolff) Der Reichskanzler teilte heute im Reichstag mit, die Regierungen der Zentralmächte haben heute an die diplomatischen Vertreter der mit dem Schutze ihrer Staatsangehörigen betrauten Staaten eine identische Note gerichtet, die den feindlichen Mächten mitgeteilt werden soll. Die Nota enthält den Vorschlag, von heute an in Friedensunterhandlungen einzutreten. In dieser Nota heisst es unter anderem, die Vorschläge, welche die Verbündeten zur Verhandlung stellen, sind nach ihrer Überzeugung geeignet, als Grundlage für die Wiederherstellung eines dauernden Friedens zu dienen. Wenn trotz dieses Angebotes der Kampf fortdauern sollte, sind die vier verbündeten Mächte entschlossen, ihn bis zu einem siegreichen Ende zu führen, wobei sie jede Verantwortlichkeit ablehnen.“

Es wird eine hochbedeutsame Stunde weltgeschichtlichen Geschehens angebrochen und man zittert, ist es vielleicht möglich, dass doch Frieden werden könnte. Oh wie würde der Druck, der seit zwei und einem halben Jahre auf uns lastet, von uns und von Millionen hinweggenommen. Deutschland macht ein Friedensangebot! Ob es ohne F ü h l u n g geschehen ist in den kriegführenden oder einzelnen gegnerischen Staaten? Man muss es leider fast annehmen. Deutschland kann nachher die schwere Verantwortung für den Krieg ablehnen. Es erhält ein moralisches Übergewicht, das dem Volke für die Weiterführung des Kampfes neuen Elan gibt. Möchte doch endlich das Ringen aufhören, oh wie würde die ganze Welt aufatmen, wenn wirklich auf Weihnachten ein Waffenstillstand eintreten würde. Man kann es noch nicht glauben, man wagt es noch nicht zu hoffen. Möge das Christkind, der grösste Friedensfürst doch bald den Frieden geben.

[…]

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108/1 (Tagebuch) und W 238/03.06-10 (Ausschnitt aus einer Glückwunschkarte zum Jahreswechsel, gezeichnet von Adolf Sprenger, Dessinateur)

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