Dienstag, 12. September 1916 – Dem Kartoffelmangel begegnet man mit Mais und Reis

Tagebucheintrag von Josef Scherrer-Brisig (1891-1965), Sekretär des Schweizerischen Christlichen Textilarbeiterverbands (1910-1916), später Kantonsrat und Nationalrat, Mitbegründer der Christlichsozialen Bewegung:

Lebensmittel-Kommission. Regierungsrätlich.

Anwesend: Regierungsrat Baumgartner, Ruckstuhl, Koch, Dr. Ambühl, Dr. Nägeli, Gabathuler, Engensperger, Scherrer

Zweck: Mittel und Wege zu finden zur Verhütung der Not, Verproviantierung des Volkes mit Lebensmitteln. Milchversorgung ist geregelt. Kartoffelversorgung, von der Bestandaufnahme wird vorläufig abgesehen. Sie ist aber der Zukunft noch vorbehalten. Es wird zu wenig Kartoffeln haben. Es sollen Ersatzmittel gesucht werden, vor allem Mais und Reis. Die Gemeinden sollten Mais und Reis sofort verschaffen und an die Bevölkerung abgeben. Denn Abgabe der Lebensmittel ohne unbemittelte Fleischspeise sollen nicht eine nicht mehr zu beschaffende Höhe erreichen. Dr. Engensberger bestätigt eigentlich meine Angaben. Dr. Nägeli will einen besseren Kontakt schaffen zwischen Produzenten und den Gemeinden. Fleisch, Speck amerikanischer 2.60 kg. nächsthin erhältlich. Die Massenspeisung wird erwogen. Schwierigkeiten bestehen.

Gabathuler

Resultat: 1. Besserer Kontakt zwischen Produzenten und Konsument unter Ausschaltung des Zwischenhandels. 2. Abgabe der Lebensmittel unter den Unkosten an die ärmere Bevölkerung, wobei der Kanton etwas leisten soll. Dr. Engensperger regt eine Bezugskarte für die Abgabe von Lebensmitteln an, die eine glatte Organisation ermöglicht.

Brennholz aus den Staatswaldungen. Gabathuler würde es übernehmen für die Gemeinden Mais etc. zu liefern. Dr. Ambühl will schärfere Massnahmen auf dem Kartoffelmarkte. Dr. Engensperger möchte den Gemeinden eine Provision geben, die Kartoffeln an konsumierende Gemeinden geben. Dr. Baumgartner bemerkt, dass Kartoffeln nur noch der Bund, die landwirtschaftlichen Genossenschaften, die Brennereien und jene, die bisher mit Kartoffeln Grosshandel getrieben haben. Die Behörden in Altstätten sollen verwarnt werden.

Die gestern abgegangene Eingabe an die Regierung des Kantons St. Gallen hat rasch gefruchtet, indem ich heute Morgen schon Bericht bekam an der von der Regierung eingesetzten Lebensmittelkommission als Mitglied aufzutreten. Es ist das doch auch wieder ein kleiner Erfolg unserer entschlossenen Arbeit. Würde nur allerorts stets flink gearbeitet, wir würden schon vorwärtskommen.

Bereits am 26. Februar war im St.Galler Bauer ein Artikel über Das Backen von Türkenbrot erschienen. Dieses wurde in Wartau, Werdenberg und im Sarganserland nach wie vor in den Privathaushalten hergestellt: Verwendet wird ein Gemisch von Maismehl und Vollmehl, z.B. im Mischungsverhältnis von gleichen Teilen beider Sorten oder 15 Pfund Weizenmehl und 9 Pfund Maismehl. Der selbst gebaute Mais gibt ein besseres Mehl, als der amerikanische Platamais. Von diesem wird das Brot kurz und brosmet bald. Je grösser der Anteil des Maismehles ist, um so weniger geht das Brot auf und um so mehr tritt der süssliche Geschmack des Maises hervor. Der hohe Maisgehalt macht das Brot auch feucht und „kurz“, aber nicht „spähnig“. Der Artikel beschrieb im Detail, wie der Teig für das Türkenbrot herzustellen, der Ofen einzuheizen und zu backen sei. Im Keller aufbewahrt, halte sich das Brot mindestens acht Tage lang gut, wobei es im Sommer weniger haltbar sei als im Winter.

Quellen: Staatsarchiv St.Gallen, W 108/1 (Tagebuch) und W 248/82 (St.Galler Bauer, 3. Jg., Heft 8, 26.02.1916, S. 115-117) sowie ZOF 003/2.12 (Maisfeld vor den Baracken der Häftlinge der Strafkolonie Salez, ca. 1921-1925)

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